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Die orientalische Frage. 1083
von allen Bevollmächtigten im Geist der Eintracht und Versöhnlichkeit als berechtigtanerkannt worden. Dieser Beschluß sei unabhängig von Karten gefaßt, übrigens seizu bemerken, daß die Karten, die man vor sich gehabt, nicht von den russischen Be-vollmächtigten vorgelegt, sondern von der französischen Regierung zur Verfügung ge-stellt worden. An Ort und Stelle habe sich aber gezeigt, daß Bolgrad in der Wirk-lichkeit anders gelegen sei als auf allen Karten. Rußland habe vorgeschlagen daslinke Ufer des Sees, an welchem Bolgrad liege, zu Rußland, das rechte zur Mol-dau zu schlagen. Die übrigen Kommissare hätten aber befürchtet, Rußland werdedie Gelegenheit benutzen, um mittels einer zu bildenden Flokille die freie Donaufahrtzu beeinträchtigen, während Rußland erbölig sei, nur ein Wachtschiff zu bauen, umden Zoll- und Sanitätsdienst zu versehen. Eine solche Bedingung müsse ohne Zwei-fel auch die geringste Besorgnis? in Bezug auf die freie Donauschiffahrt verscheuchen.
Wir haben mehrfach Anlaß gehabt, unsere Leser damit zu vergnügen, wie Ruß-land so unbefangen immer wieder an den Tag legt, daß es seinen Gegnern nichtein sehr kurzes, sondern überall gar keine Art von Gedächtniß- zutraut. Noch am23. März 1855 hatten in den Wiener Conferenzeu, als die Abstellung der Quaran-täne an der Sulinamündung begehrt ward, die russischen Bevollmächtigten mit vie-ler Empfindung den Wunsch ausgesprochen, daß das Interesse der öffentlichen Ge-sundheit, welches auch ein europäisches Interesse sei, nie Grund geben möge, dieseVerfügung zu bedauern. Da indessen Hr. van Prokesch, sagt das Protokoll, ent-wickelte, daß die Leichtigkeit der Sulinafahrt mit der Quarantäne an diesem Armdes Flusses zu vereinigen fast unmöglich sei, haben die russischen Bevollmächtigteneingewilligt.
Rußland erklärt sich ferner, in Erwiderung einer Anfrage des Grafen Wa-lewski, bereit, auf den Conferenzeu es auf die Mehrheit der Stimmen ankommen zulassen. Rußland ist in einer andern Beziehung noch über den Text des Vertragshinausgegangen: es hat dem Wunsch der osmanischen Pforte beigestimmt, die Delta-inseln ihrer direcken Autorität und nicht der Moldau zu unterwerfen. Zudem esnun die zu erwartende Räumung des Schwarzen Meeres und der Donaufürsten-thümer in Erimierung bringt, schließt es mit der Bemerkung, wie groß und schmerz-lich die Überraschung aller Welk sein würbe, wenn die Cabinete nicht geneigt wären,sich über eitle einfache Det nischwierigkeit — über zwei untergeordnete Fragen — zuverständigen, welche Rußland freisinnig ihrer Entscheidung zugewiesen habe.
Noch vor Eröffnung der Conferenzeu (die aus den 29. Dec. anberaumt war)erfuhr man, in der Streitsache wegen Bolgrad werden Ostreich, Großbritannien,Sardinien und die Türkei die Majorität bilden, Rußland werde mit Frankreich undPreußen in der Minorität bleiben. Der „Moll" hakte vorausgesagt, Rußland werdefür die Abtretung von Bolgrad eine Gebietsentschadigung erhalten. England, hießes von anderer Seite, habe, unter Hinweisung auf die Nachgiebigkeit des Congreffes,welcher von den in den Präliminarien bestimmten Abtretungen ein Stück nach demandern nachgelassen, sich entschieden gegen jede Compensation erklärt.
Die Neugierde, welche wiederum die Verhandlungen veröffentlicht zu sehenhoffte, ist diesmal getäuscht worden, kmd zwar, wie man sagt, weil Rußland mitder „lauen Sprache" nicht.zufrieden gewesen, welche die Protokolle seinem VertreterHr». von Brunnow in den Mund gelegt, welcher seinerseits gegen die Darstellungseiner Äußerungen vergebens Einrede gethan, während die übrigen Bevollmächtigtendaraus bestaube», es müsse Alles entfernt werden, was auf eine ernste Misstimmungköunrc schließen lassen.
Das Dchlußprotokoll vorn 6. Jan. 1837 erschien zuerst in der „dlorninz kost",und ward am 5. Febr. nebst zugehöriger Karte in London amtlich veröffentlicht.Das Ergebniß, das ohne die Karle im Einzelne» nicht verständlich zu machen wäre,hat der „UolütLur" an, 7. Zan. bereits in dieser Weise ausgedrückt: die neue Grenzeziehe sich längs des Trajansthals bis zum Fluß Jalpuk hin, und überlasse Bolgradund Tobak der Moldau, während Rußland auf dem rechten Ufer dieses Flusses die