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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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23
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Bekannten auf das Unbekannte zu kommen, also in alles tie-fer zu dringen, und in dem Offenbaren das Verborgene zufinden. Die Gelehrsamkeit gibt unS die historische Kenntniß^"!der Beobachtungsgeist lehrt uns sehen, das Genie schließen_1

Die Gelegenheit Vieles zu sehen, macht also noch keine Er-fahrung, weil das dumme Anschauen einer Sache nichts lehrt,und weil auch die geschickte Beobachtung derselben noch nichtalles ist, was man durch Erfahrung versteht. Wer nicht weiß,worauf er sehen soll, wer der Kunst zu sehen und über dasGesehene zu denken nicht mächtig ist, kann alle Länder derErde durchreiset haben und kein einziges kennen; er kann einenoch weit beträchtlichere Reise, die Reise durch das menschlicheLeben gemacht haben, und nichts in den Herzen der Menschensehen; er kann zwanzig Jahre in Kanzelleyen schmachten,zwanzig Schlachten mitmachen, zehntausend Kranke besuchen,und immer in der Staatökuust, in der Kriegskunst und in derArzeneykunst unerfahren seyn. Die wahre Erfahrung hänghauptsächlich von dem Kopfe des Menschen ab, der erfahren null

Ich setze darum der falschen Erfahrung die wahre Erfahrungentgegen. Ein Mensch, der nur die falsche Erfahrung hat,weiß entweder gar nicht worauf er sehen soll, oder er gibtsich die Muhe nicht mit der nöthigen Aufmerksamkeit zusehen, und folglich kann er auch mit der gehörigen Rich-tigkeit nicht denken; die falsche Erfahrung erzeuget nichts alsfalsche Begriffe. Ein Mensch, der die wahre Erfahrung er- ilangen will, sucht in Wuchern die Wahrheit, in der Natur die^tWahrheit, durch seine Vernunftschlüsse die Wahrheit. Ohnedie glücklichste Organisation und die allerbeste, erste undzweyte Auferziehung, hat ein Arzt diese Begierde nicht. Ver-binden sich alle diese Vortheile in ihm, so gelangt er gewißzu der wahren Erfahrung.

In allen Zeiten und unter allen Völkern lebten die falschenAerzte mit den wahren im Streite. Dem ungeachtet mußman nicht die falsche Erfahrung durchaus bey der Secte derEmpiriker, noch die wahre Erfahrung durchaus bey den Dog-matikern suchen. Jene gehörten eben so wenig ohne Ausnahme