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Drittes Capitel.
Von der wahren Erfahrung.
Ach werde der falschen Erfahrung die wahre Erfahrung, demUnsinn die Vernunft entgegen setzen. Das Wort Erfahrunghat in einem vernünftigen Sinne verschiedene Bedeutungen.Die Mathematiker, die Naturlehrer, die Aerzte, die Morali-sten nennen Erfahrung, oder Experiment, den Ausschlag ihrerVersuche über die Wirkungen oder Ursachen in der physischenund moralischen Welt. Ein Experiment ist von einer bloßenBeobachtung verschieden, weil man durch Beobachtung die er-langte Kenntniß einer Sache versteht, die sich von selbst zeigt;da man hingegen ein Experiment zu machen, eine Sache sehen, will, und sie folglich sucht. Ein Arzt, der den natürlichen
Lauf einer Krankheit betrachtet, macht also Beobachtungen; einArzt, der in einer Krankheit ein Mittel gibt und auf dieWirkungen dieses Mittels aufmerksam ist, macht ein Experi-ment. Der beobachtende Arzt hört die Natur, der erfahrendefrägt sie.
Erfahrung (experientis) in dem menschlichen Leben, in derStaatSkunst, in der Kriegskunst, in der Arzeneykunst, ist über-haupt die aus guten Beobachtungen und Experimenten ent-standene Kenntniß dieser Wissenschaften und Künste. Die Er-fahrung in der Arzeneykunst ist die durch wohl gemachte undwohl überlegte Beobachtungen und Experimente erlangte Fer-tigkeit in der Kunst, den Menschen vor Krankheiten zu be-wahren; die sich ereignen, zu kennen, zu lindern und zuheilen.
Nun setzt diese Erfahrung die historische Kenntniß ihresVorwurfes zum Grunde, weil man ohne diese Kenntniß nichtwüßte, worauf man zu sehen hat; sie setzt die Fähigkeitenzum voraus, alle Theile dieses Vorwurfes zu bemerken und zuunterscheiden; sie fordert endlich die Gabe, über das Gesehenezu denken, von den Erscheinungen auf die Ursachen, von dem