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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
51
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z Da» Lesen ist der mittelbare Umgang mit der Natnr, dasj Beobachten ist der unmittelbare Umgang mit derselben. Ehe der' Arzt die Naturgeschichte der Krankheiten in seinem Kopfe hat,wird er sie nicht leicht in Anderer Körper finden. Die wich-tigsten Unterscheidungszeichen der Krankheiten sind oft sehrflüchtig; sie fallen nicht lange genug in das Gesicht; derbloß erfahrende Arzt läßt sie vorübergehen, weil er sie fürunwichtig halt; der unterrichtete Arzt geht ihnen mit denAugen eines Kenners entgegen. Ohne die Gelehrsamkeit hieltman bald die Hauptkrankheit für einen Zufall, bald einenZufall für die Hauptkrankheit; man erblickte, ehe der Planzur Heilung gemacht war, in hitzigen Fiebern den Krankenan dem Rande des Grabes; bey langsamen Uebeln vergiengenJahre, ehe man die Mannigfaltigkeit der Umstände in dengehörigen Vereinigungspunkt brachte. Auch kommt ein Arzt,dem die Geschichte der Krankheiten nicht bekannt ist, als einKind zu dem Bette des Kranken; unwissend, waS geschehenkann und geschehen wird, irrt er im Finstern, bis er durchdie Niederlage von Tausenden begreift, was ein Anderer inwenig Jahren durch fleißiges Lesen. Sydenham sah sichoft gezwungen, einige Kranke sterben zu lassen, bis ihm dieNatur ihrer Krankheit bekannt war, weil er nicht las; undwie weit ist der Praktiker unter einem Sydenham!

Je mehr wir über jeden Fall Beobachtungen wissen, destogeschickter sehen wir in jedem Fall. Ein Arzt, der nichtliest, kann nur eine unendlich kleine Anzahl Krankheiten durchsich selbst kennen, weil er oft die gleichen Krankheiten,und viele sehr selten sieht. Er kann darum den eigentlichenWerth der Umstände nicht bestimmen; er weiß nicht, wasunschädlich und was gefährlich ist; er zittert bey der bestenHoffnung, oder findet den Kranken in den blaffen Armendes Todes, wenn er glaubt, er sey geheilt. Wer nichtweiß, daß in einer Krankheit der gleiche Umstand nützlichund in einer andern gefährlich seyn kann, steht dem nützlichenUmstand entgegen, und läßt dem gefährlichen seinen Lauf.

Die Krankheiten haben nur zu oft etwas so eigenesI