30
weil sie glauben, man habe die Krankheit gesehen, wennman den Kranken gesehen hat; man habe Erfahrungen ge-macht, wenn man um die Kranken herumzappelt, ohne ihreKrankheiten zu kennen, und ohne Ordnung und Methodealle Mittel gibt, die man hat; die wahren Aerzte behaupten,daß man ohne die ernsthafteste Vorbereitung nicht einmalKranke sehen soll, daß man ohne die schärfsten Augen in demKranken nichts steht, daß man ohne den schärfsten Verstandzu seinem Besten nichts denkt, und daß allein die wahre zurAusübung gebrachte Theorie die wahre Erfahrung gibt.
Mein ganzes Werk von der Erfahrung ist also dem Pöbelüberhaupt, und insbesondere den heutigen Empirikern, oder wiesie sich lieber nennen, den Praetikern, entgegengesetzt; dennjeder Empiriker nennt sich in unsern Zeiten einen Practiker,und ich verstehe allemal unter Practiker einen Empiriker.
Zweytes Buch.
Von der Gelehrsamkeit und dem Einflüssederselben auf die Erfahrung.
Erstes Capitel.
Von der Gelehrsamkeit überhaupt.
N?an versteht unter Gelehrsamkeit überhaupt den Inbegriffaller Theile der menschlichen Erkenntniß, welche, wegen ihresUmfangs und ihrer Wichtigkeit, verdienen in Schrift verfaßtund nach eigenen Methoden vorgetragen zu werden. Die Ge-lehrsamkeit des Arztes ist der Inbegriff von dem, was an-dere Aerzte, den Menschen vor Krankheiten zu bewahren, unddiese zu kennen, zu lindern und zu heilen, gesehen und er-zählt haben.