Durch daS Ansehen angeblendet, müssen wir uns nicht aneinen, zwey oder drey Verfasser halten, sondern alle lese»,alle hören, alle vergleichen, die, von der Natur unterrichtet,ihr treu geblieben. Wir empfangen dankbar das Gute desGalennS, der Araber, einiger Aerzte der mittlern Zeiten, diedurch die Dunkelheit ihres Jahrhunderts, wie entwölkte Sternean dem Horizont herausbrachen, und noch Einiger, die demSydenham durch die Freyheit im Denken, die Verachtung derSecten, und den nähern Umgang mit der Natur vorgeleuch-tet.. Wir müssen jedem Werke, das nur einige nützliche Be-s oöachtungen, nur einige neue Gedanken hat, unsere Achtungschenken; jeden Arzt befragen und anhören, der etwas gese-hen , das Andere nicht gesehen; etwas zum Besten der Mcnsch-I heit gedacht, das Andere nicht gesagt haben. Das mittelmä-ßigste Buch kann zuweilen den Geist erweitern, eine nicht ge-nugsam versicherte Beobachtung versichern, einen unvollständi-gen Gedanken vollständig machen, oder ein Keim verschiedenerweiter umherreichender und höherer Gedanken seyn. Freindglaubt, nur einem Verfasser folgen, wäre eben so viel, alsfür alle Krankheiten nur ein Mittel haben.
"" Ein Arzt, der mehr seinen Verstand aufgeheitert, als' sein Gedächtniß gefüllt hat, entdeckt allein von jedem Verfas-; ser dem wahren Werth; er allein erblickt das Wahre in dem! Gefolge des Falschen; er allein macht von den Verfassern^ aller Jahrhunderte den gehörigen Gebrauch, und verehrt diel Stimme der Natur in den Orakeln ihrer Priester, wie in deml Stammeln ihrer Kinder.
Fünftes Capitel.
Bon dem Einflüsse dieser Gelehrsamkeit auf die Erfahrung.
Ä?it der Wissenschaft seiner Vorgänger hat man auch ihreErfahrung. Es laßt sich von jedem wahren Gelehrten sagen,was la Beaumelle von dem Präsidenten von Montesquieu sagte: