217
!
das Gemüth zu zwingen, wenn alle Starke kraftlos ist, unddurch edle und zärtliche Gesinnungen das Herz zu rühren ,wenn es diesen Gesinnungen, wie die allzulange mit dem .Trauerkleide des Winters umhängte Erde der jungen aufstei- jgenden Frühlingsblume, sich öffnet; der endlich, an der Brust ^der Musen aufgewachsen, voll Gefühl für alles, was schön undgroß ist, im Nothfall seine Aufmunterungen durch die Macht ;einer einnehmenden Beredsamkeit unterstützen, und durch alle ;Künste einer schönen Einbildungskraft erheitern kann. Mit ^diesen Vortheilen ausgerüstet, hilft der Arzt dem Krankenseinen Körper überwinde», und er füllt seine Seele mit Sanft-muth, Hoffnung und Unerschrockenheit. Alle Arzeneyen sindin solchen Fällen umsonst, wenn der Arzt, gleich dem Narrender über Wahrheit und Tugend spotten möchte, jene aufzusu-chen zu faul, und diese auszuüben zu schwach ist.
Lassen sich also Krankheiten durch Mittel lindern, die ge-rade auf die Seele wirken, so ist auch der Schluß richtig, daßes Fälle gibt, in welchen die Seele ihren Körper verändernkann. Er fließt aber auch aus der Erfahrung. Man weiß,wie viel die Seele in scharfsichtigen und gefühlvollen Men-schen zum Nachtheil ihres Körpers vermag. Swift war ma-ger, so langeihn die Ehrsucht und allerley Gram plagte, nach-dem er aber den Verstand gänzlich verloren hatte, wurde erauch wieder fett. Feine, scharfsichtige und geistvolle Menschen,die ihrer Gemüthsbewegungen nicht vollkommen Meister sind,zehren ihren Körper aus, wie eine Lampe ihr Oel.
Ohne dieses Scharfsinns, ohne dieser feinen und allenthal-ben durchdringenden Blicke fähig zu seyn, gibt es eine andereGattung Menschen, die eben so gefühlvoll für das Kleine, undan der äußersten Oberfläche der Dinge Liegende, sind; auchdiese Seelen zehren ihren Körper aus. Sie werden zur Weich-lichkeit, Ungeduld, Unbeständigkeit, Laune, Aorn, Schrecken,Eigensinn und allen kleinen Leidenschaften geneigt, mit tau-send lächerlichen Sorgen und eingebildeten Plagen täglich be-schäftigt, täglich ihre Kräfte verschwenden, mager werden, inlangwierige Husten, oder in eine Gattung Schwindsucht, oder