Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
449
JPEG-Download
 

449

dieser Arbeit mußte sie messen; plötzlich überfiel sie mit vielerHeftigkeit die Furcht, sie habe sich die Krankheit ihres Kindes(aclioi-es) eingepfropft, denn sie hatte dieselbe in ihrer Jugendnicht gehabt. Sie erzählte mir diese Furcht, und ich ermähntesie, dieß nicht zu achten. Aber den andern Tag zeigte siemir fünf grosse Knoten an ihrem Kopfe, die anstatt der eite-rigen stinkenden Materie, die man bey Kindern sieht, nurein Helles, gelblichtes, geruchloses Wasser von sich gaben. Ichbat sie von neuem, hierauf nicht zu achten; und sie konnteauch dieses, damals sehr kleine Uebel, um so mehr vergessen,weil die Knoten ^bald verschwanden; indeß sich, ohne diegeringste andere äußerliche Ursache, an fünf Fingern nach ein-ander sehr schmerzhafte Nagelgeschwüre äusserten. Das nächsteMal, da sie ihre alle drey Wochen wiederkommende Reinigunghaben sollte, überfiel sie des Abends ein Frost, bald darauf' ein starkes Fieber, ein grausames Gliederreißen, das den lin-^ ken Arm aller Beweglichkeit beraubte, und ein so erstaunenderKopfschmerz, daß diese - sonst Äußerst sanfte, geduldige, mit demaufgeklärtesten und richtigsten Verstände begabte, und allechristlichen Tugenden in der Verborgenheit ausübende Personmir versicherte, dieser Schmerz sey ihr ganz unerträglich.Des Morgens war der Hintere Theil des Kopfes von den glei-chen Knoten voll; über der Stirne hatte sie auch hin undwieder eine Geschwulst; die Haut war an der Stirn striem-weise purpurroth, und die Empfindlichkeit aller Theile des Ko-pfes so groß, dass auch die sanfteste Betastung des Fingers ei-! neu reißenden Schmerz verursachte. Dieser Zustand dauertesechs Tage, indeß die Reinigung sehr sparsam abgieng,und das abgehende Blut fast gar keine Nöthe hatte. Ich be-gnügte mich, aus Senf abgekochte Fußbäder anzurathen, unddie Ausdünstung zu befördern. Nach sechs Tagen war allesvorbey, und der Kopf von seinen Knoten befreyt. AbführendeMittel hatte ich nicht nöthig zu geben, weil diese Person einemi fast beständigen langsamen Bauchfluss unterworfen, von diesem! nunmehr sehr stark überfallen wurde. Sie befand sich ziemlichwohl bis auf den Tag, da sie ihre Reinigung wieder habenZimmermann« Erfahrungen. 29