Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
459
JPEG-Download
 

45 S

der auf den Verlust einer sehr geliebten Gattin plötzlich eng-brüstig geworden; einer von unsern ältesten und folglich größ-ten Praktikern meinte, e6 fehle dem Kranken im Hintern, undgab ihm, den Goldadcrfluß zu erregen, sehr scharfe Arzeneyen;der Kranke starb nach zwey Tagen; in seinem Leichnam fandman die Lunge sehr heftig entzündet, und das Herz zerrissen.Vor wenig Jahren fiel zu London ein Engländer, NamensRiggS, bey dem Begräbniß seiner Frau zu Boden, verlor denGebrauch seiner Glieder, und blieb seitdem sprachlos. Indemich dieses schreibe, verliert der Prinz Georg Ludwig von Hol-stein seine Gemahlin; er befiehlt, den Körper der Prinzessin ausdem ersten Sarge in einen von kostbarem Holze zu bringen,und ihm, sobald es geschehen, davon die Nachricht zu geben.Es geschieht, der Prinz geht hin, und heißt sofort seinen Kam-merdiener ihm etwas aus einem geistlichen Buche vorlesen. Wäh-rend dem Lesen kann sich der Prinz nicht enthalten, Thränenzu vergießen und stark zu seufzen, worauf er einschlief, undin dem Schlafe starb.

Die Indignation scheint mir eine Mischung von Traurig-keit und Zorn. Unter Leuten, deren Welt ein Zirkel vonwenigen Stunden ist, erweckt das sieghafte Rohrdommelgeschreyder wohl hergebrachten Unvernunft sehr oft diese Leidenschaft,wenn man, diesem Geschrey ausgesetzt, bey sich selbst nicht mitdem Salomon denkt: ein Weiser, der mit Narren zu streitenhat, er zürne oder lache, findet keine Ruhe. Die körperliche Wir-kung der Indignation ist bey vielen ein Schwindel, eine Neigungzum Brechen, und eine unausstehliche Angst über die Brust, diezwar, nach Salomons Wunsche, die Zunge bindet, obschonnicht die Weisheit, sondern die Indignation die Ursache dieserBindung ist. Ich habe gesehen, eine unwichtige Indignationin empfindlichen Frauen plötzlich einen Schmerz in der Seiteerregen, der, bey jedem Athemzug erneuert, immer so heftigwar als im Seitenstich, und oft bis sechszehn Stunden dauerte,wenn sie keine Arzeneyen nahmen. Herr von Hakler sah einevornehme Dame, die von ihrem Liebhaber zu der Sünde desFleisches verführt worden; sobald die Zauberkraft der Sünde