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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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sere eitle Weisheit ganz mechanisch zur Narrheit, oder dieMenschen treten, wie Rousseau sagt, in ihre ursprünglicheDummheit zurück. Ich lese bey Boerhave, daß die scharfsin-nigsten Leute, welche, um ihre Gesundheit unbekümmert, sichganz in Betrachtungen versenken, wenn sie alt werden, ineine wahre Dürrsucht oder Abschwindung des Hirns verfallen;sie sehen allmählig weniger; sie werden gehörlos; endlich ver-lieren sie auch die innern Sinne, und sie verfallen in einenvöllig gedankenlosen Zustand. Freyherr van Swieten hat öf-ters gelehrte Leute langsam am Verstände abnehmen, schläfrigwerden, und endlich vom Schlage hinraffen gesehen. Ich habein einer Schweizerischen Stadt einen Geistlichen gekannt, derdurch seine Predigten einen verdienten Ruhm erworben; ersuchte diesen Ruhm zu unterhalten; er las sehr viel; setzte alleseine Predigten auf, und lernte sie mit der größten Mühe aus-wendig. Neben dem ward er wegen seinem sanften Wesenimmerfort zu Kranken, oft zu Schwermüthigen und Sterben-den berufen, und sonst mit tausenderley Geschäften überhäuft,die er alle aufs Beste verrichten wollte. Unter dieser beständi-gen Anstrengung seines Geistes verwelkten bey dem allmähllgenVerluste seiner Munterkeit seine Kräfte und sein Gedächtniß,das er um so mehr anstrengte, je mehr es abnahm. Endlichwollten die neuen Ideen nicht mehr haften, aber er erinnertesich noch immer der alten. Zuletzt hatte er einen Schlagfluß,der ihn auf der einen Seite lähmte. Er trank die Vipernbrühe,machte während dieser Kur einen gesunden Sohn, der nochlebt und Genie hat, ward in die Bäder zu Baden gebracht,und starb daselbst in seinem zweyundvierzigsten Jahre.

Die Anstrengungen des Geistes sind aber auch in verschie-denen Gesichtspunkten zu betrachten. Bey einigen wird bloßdie Aufmerksamkeit, bey andern die Einbildungskraft zu sehrangestrengt, bey den andern das Genie. Obwohl Leute vonGenie den Nervenkrankheiten am meisten unterworfen sind, sosieht man doch, daß durch die Ueberspannung der Aufmerksam-keit Leute davon nicht frey bleiben, die zwar, ohne Anspracheauf das Genie, zuweilen so nützlich sind, als Leute von Genie.