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Wünsche, bis alle in die eine Empfindung hinschwanden, indie unüberwindliche Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, siezu erlangen — sei es durch den Tod. Geräuschlos nahete ichdem Fenster. Es war so hoch über dem Boden, daß es un-möglich schien, hinabzuspringen; doch ich konnte nicht mehr über-legen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner Absatz begünstigtemich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das Gras hinab,mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich be-täubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Ge-fahr trieb mich aus, ich empfand kaum den Schmerz, welchender heftige Fall dem linken Arm und der Schulter verursachte.Oben ward Geschrei hörbar; ich bog um die Ecke des Hauses,da lag der größte Theil der Soldaten ruhend im Schatten —ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln pfiffen ummich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen undtheilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurzeStrecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich dieOlivenwälder des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Ver-folger, die sehr lau in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu über-schreiten wagten, wiewohl ihr verworrenes Geschrei noch weithinmir nachtönte. Dennoch lief ich in athemloser Hast durch dieFelder landeinwärts, bis gänzliche Erschöpfung in dichtem Ge-büsche zu rasten mich zwang.
Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietetdas menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen,wer wäre taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter undReize, welche das eine Wort »Freiheit« in sich fasset! Sie istder schöne Götterfunken, durch den alles Edlere in des MenschenBrust zu Leben und Thätigkeit gerufen wird, das höchste Gut,welches den übrigen Werth giebt und sie veredelt. Wie traurig,daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so hehren Schatzzum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können, daßdie Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden