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die verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrerheiligsten Pflicht und ihrer Eide, zum Umstürze der ehrwürdigstenRechte zu vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, diejeder loyalen Empfindung unfähig sind, den Verwand bietenmuß zu dem vergeblichen Streben, was immer Natur, Rechtund Gewohnheit als geheiligt hinstellt, bis zu ihrer eigenenschmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!
Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Ge-danken, und ich stattete dem Höchsten innigen Dank für dieneue Wohlthat. Doch die Gefahr war noch nicht vorüber, undich eilte, nach kurzer Frist meinen Marsch fortzusetzen, indemich den Stand der Sonne beachtend nach Nordwesten mich rich-tete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden hoffte. Wohldurch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten, warlange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frischezunahm, traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichstmich zu entziehen suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht,wo ich war, wie fern von unsern Garnisonen; ich mußte fürch-ten, gar irgend einer feindlichen Streifparthie oder einem ihrerfesten Punkte mich zu nahen, im Falle ich etwa noch im Ge-biete der Christin os mich befände. So beschloß ich zu fragen.Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt; icheilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst michnahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich end-lich, durch seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meineLage offen auseinander setzte, bot er mir die Hand und batmich, ohne Furcht ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stundespäter saß ich ruhig in seinem niedrigen Häuschen, einen Becherstärkenden Weines vor mir, und spät am Abend bestiegen wirdie Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach Estella zugeleiten versprochen hatte.
Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf denGebirgspfaden verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu