Band 
Achter Band.
Seite
542
JPEG-Download
 

542

Das Königreich Sardinien.

Verhütung brutaler Willkür ein Gesetz über Volkszusammenrottung erlassen, die despo-tische Platzcommandantur in der Hauptstadt wie in den Provinzialstädten aufgehobenwerden. Mit diesen Concessionen war zugleich eine Hindeutung auf eine Verfassungs-verleihung ausgesprochen.

Mit diesem Schritte hatte Karl Albert muthig und entschieden die Fesseln gebro-chen, in denen ihn die Diplomatie, der Iesuitismus und seine übertriebene Frömmigkeitso lauge gefangen gehalten. Kaum waren die Concessionen des Königs bekannt, alsTurin in einen einmüthigen Jubel ausbrach, der keine Grenzen kannte. Männer undFrauen verließen die Häuser, vernahmen auf den Straßen und in den Cafes dielaute Verlesung des Resormprogramms, wechselten Händedrücke, weinten und jauchz-ten. Umarmungen zwischen Bekannten und Unbekannten, Beglückwünschungen, Hoch-und Freudenrufe wollten kein Ende nehmen. Noch an demselben Abend wollte dasVolk nach dem königlichen Schlosse ziehen, um dem Könige Dank und Freude zu-zujubeln. Doch es war schon spät, und die besonnenern Bürger fürchteten die Wie-derholung der Polizeitücke vom 1. Oct. Die stürmisch bewegte Menge folgte auchdem Rathe dieser Männer, um dem lauernden Feinde, der so lange darauf hingear-beitet hatte, Fürst und Volk einander zu entfremden, keine Gelegenheit zur Ent-weihung des herrlichen Freudentages zu bieten. Am folgenden Tage, einem Sonn-tage, belebten sich die Straßen schon am frühen Morgen mit festlich gekleideten Spa-ziergängern, und unter den Frmdengrüßen der wogenden Menge eilten Kuriere nachallen Richtungen durch die Straßen, um die frohe Botschaft vom vorhergegangenenTage in den Provinzen zu verbreiten. Nie hatte Turin bewegteres und freudigeresDrängen auf den Straßen gesehen; keine sinsterblickende Gestalt trübte die Situa-tion. Die Polizei schien verschwunden. Fahnen und Blumengewinde' schmückten dieFenster. Bei Einbruch des Abends beleuchteten sich alle Straßen, von den vornehm-sten Patricierpalästen bis herab zu den schlichtesten Bürgerhäusern in bunter Illumi-nation. Bis zum folgenden Morgen erfüllten begeisterte patriotische Gesänge undtausendstimmige Evvivas auf Karl Albert die Luft. Rasch wiederholten sich in allenStädten, in allen Flecken Piemonts und Liguriens die Dankfeste mit demselben En-thusiasmus für den König.

Am 3. Oct. wollte Karl Albert, wie alljährlich, nach Genua reisen, um dorteinige Wochen zu verweilen. Turin beschloß diesen Tag mit besonderer Feier zuEhren des Königs zu begehen, und großartige Vorbereitungen wurden zu diesemZwecke getroffen. Am Morgen des Abreisetags waren 'alle Häuser mit- Blumenge-winden, selber- und golddurchwirkten Tapeten, mit Fahnen und Emblemen geschmückt.Eine von Rossi in Musik gesetzte Hymne war in wenigen Tagen im Munde derJugend zum Nationalgesang geworden: sie sollte den König als den Wiederherstelle;:und Helden der italienischen Größe begrüßen.*) Die freisinnigern Nobili mischtensich vorurtheilsfrei unter die Volksgruppen, von denen sie wie alte Freunde begrüßtwurden. Von dem Schloßplätze in verschiedenen Gruppen und unter flatterndenFahnen bis zu Ende der langen Postraße aufgestellt, erwarteten die Bürger Turinsmit Ungeduld die Ankunft des Königs. Von den Balconen und auf der Straßeerschallte bereits die mächtig dahinbrausende Melodie der Volkshymne, wahrend dieköniglichen Kutschen vor dem Portale des Schlosses vorgefahren waren, und die ge-sattelten Pferde für den König und die beiden Prinzen ungeduldig den Boden stampf-ten. Doch — der König erschien nicht!

Den jesuitischen Höflingen unter liberaler Maske war es nämlich gelungen, aufsneue Mistrauen in das Herz des Königs zu säen: sie betheuerten ihm unter erheu-chelten Thränen, daß er in der Volksmenge meuchlerischen Tod finden werde. Der

*) Du Schlußverse dieser Hymne lauteten: „Wenn dich die Wuth der Fremden heraus-fodert, so besteige dein Roß, o König! und ziehe dein Schwert; und mit dir werden wir unsAlle erheben, geschmückt mit der azurnen Cocarde und Fahne. Und zum Kampfe werden wirfliegen unter dem Muse: Es lebe der König! Es lebe der König!"