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Das Königreich Sardinien.
tern Volksfreude versteckte Dolche auf ihn lauerten. Über ein Jahr voll froher undbanger Erwartung, reich an nationalen Festtagen und begeisterten Momenten gingso in Turin vorüber. „Die Geschichte", so schreibt ein gleich berühmter als geach-teter Piemontese über die letzten Monate von >847, „bot das neue Schauspiel einerRevolution, in welcher daF Volk, statt die Büchse gegen den Souverän zu richten,ihn durch warme Darlegung seiner Wünsche zu erweichen, durch Lob zu locken, durchunaufhörliche Bcifallsbczengungen, durch Hymnen, Hochrufe und Gesänge an sich zuziehe» suchte. Ungeheure Volkswagen, deren Anblick eines Tags so furchteinflößendwar*), durchströmten, festlich gekleidet und Fahnen und Guirlanden schwenkend, dieStraßen und Plätze, das Lob deö Fürsten singend und begeisterten patriotischenSinn manifestirend, bei dem ersten Strahle der aufgehenden Freiheit wie bei ihrervollen Gewährung; man frohlockte, man jauchzte. Ein einziges Gefühl schien dieseVolkswoge» zu bewegen, in dem Vaterlands- und Fürstenlicbe verschmolzen erschie-ne»; ein einziger Wille sie zu beherrschen. Man reichte sich die Hände, man um-armte sich; Alle, ohne Unterschied des Glaubens, proclamirtcn sich als Brüder. Undin diesem bis dahin «»gekannten und bewundernswürdigen Schauspiel offenbarte sichdas untrügliche Anzeichen der lange gehofften Wicdererstehung des Vaterlandes."
Einen kurzen Augenblick sollte diese heitere Stimmung durch die Machinationender Absolutisten getrübt werden. Sie suchten nach einer Gelegenheit, die freudigeBewegung durch Waffengewalt zu dämpfen, und fanden sie, als die halbe Bevölke-rung der Stadt Turin am I. Oct. (1847) »ach dem Palais des päpstlichen Nun-tius zog, wo die Univcrsitä'tSjugcnd zu einer Manifestation zu Ehren PiuS' IX. ver-sammelt war. Plötzlich drangen von verschiedenen Seiten zugleich Soldaten, Cara-biniers und Polizeiagcntcn mit gezogenen Säbeln auf die harmlose Menge ein, undverfolgten die Flüchtenden bis unter die Säulengängc der Postraße, bis in die Cafes.Der verhaßte Polizeidirector Lazzari und ein Polizeicommissar Tosi, den man imSolde des Jesuitismus wußte, wurde» von der öffentlichen Meinung als die Haupt-anstifter oder wenigstens als die geheimen Leiter des Überfalls angeklagt. Dieserfeige Streich, der glücklicherweise kein Menschenleben kostete, sowie vielfache will-kürliche Verhaftungen an den folgenden Tagen, wozu das Singe» der römischenVolkShymnc auf Pius IX. genügenden Verwand gab, bestimmten den KriegsministerDillamarina, der zugleich das Polizeiministerium verwaltete, dem Könige seine Ent-lassung einzureichen, um dadurch jede Complicität mit der Polizeiwillkür der letztenTage von sich abzuwälzen. Karl Albert genehmigte die Entlassung Villamarina's,mcht ohne zugleich den öffentlich verhaßten langjährigen Kollegen und Nebenbuhlerdesselben, den Minister des AuSwärtigen Grafen dclla Margherita zu verabschieden.Der Sturz des Letzter» traf die jesuitische Partei wie ein Blitz aus heiterm Hun-mel. Graf Margherita selbst, sich bis zum letzten Augenblick als würdiger SchülerLoyola's gcbcrdcnd, weigerte sich, die Verabschiedung anzunehmen, „indem sein Ge-wissen und seine Liebe zum Könige ihm -nicht erlaubten, den Monarchen in so scbwie-rigen und gefahrvollen Augenblicken zu verlassen". Aber Karl Albert blieb fest inseinem Entschluß, und die öffentliche Meinung athmete freudig auf, wie von schweremdie Entlassene,'^ Marquis San-Marzana und der General Broglia ersetzten
. - ^"^"blick banger Ungeduld und Ungewißheit über die fernern Absichtendes Komgs beherrschte die Gemüther, als zur Überraschung der jesuitischen Hosparteiund zur Überraschung des Volks in der ofstciellen Zeitung von, 5N. Oct. ein Ne-^""'äüprogramm Karl Albert's erschien, in welchem viele Reformen gewährt undsich*" verheiße» wurden. Der neue Criminalcodcr mit der Sanctionirung der öffent-hoben war definitiv bestätigt ; die erceptionellc JuriSdiction wurde für aufge-
geben d m "" Cassationstribnnal sollte errichtet, der Presse freiere Bewegung ge-Bürger» Municipalwahlrecht eingeräumt, die Polizei rrvrganisirl, und zur
") Anspielung auf di- Bewegung von 1821.