138 Mirabeau und die französische Revolution.
Ludwig, gegen den Schluß seines Lebens, von seinen Umgebun-gen eine äußerliche Beobachtung religiöser Pflichten verlangthatte, brachte eine ähnliche Wirkung hervor, wie die Strengeder Puritaner in England erzeugt hatte. Frau von Maiutenonberühmte sich, in der Zeit ihrer Größe, damit, daß Andacht zurMode geworden sei. Eine Mode war sie allerdings und wieeine Mode ging sie vorüber. Die düstere Strenge des Grciscn-altcrs des Tyrannen hatte der Sittlichkeit der höheren Ständemehr geschadet, als selbst die Zügcllosigkeit seiner Jugend. Erhatte nicht bloß ihre Laster nicht gebessert, sondern, indem er sienöthigte, Heuchler zu werden, hatte er ihre» Glauben an Tugenderschüttert. Sie hatten es so leicht gefunden, die Grimasse derFrömmigkeit zu machen, daß es natürlich war, wenn sie alleFrömmigkeit für Grimasse ansahen. Die Zeiten hatten sichgeändert. Pensionen, Regimenter und Abteien waren nicht län-ger durch regelmäßiges Beichtcgehen und strenge Bußübuug zuerlangen, und die gefügigen Höflinge, welche die Fasten wieMönche von La Trappe gehalten, und bei den erbaulichen Stel-len der vor dem König gehaltenen Predigten das Weiße inihren Augen in die Höhe gekehrt hatten, strebten jetzt so hitzignach dem Namen eines rouö, wie sie nach dem eines devot ge-strebt hatten, und gingen, während der Passionswoche, so bereit-willig zu den Gelagen des Palais Royal, wie sie sich vordem zuden Predigten Massillon's begeben hatten.
Der Regent war in vielen Beziehungen das Ebenbild un-sers Karl II. Wie Karl war er ein gutmüthiger Mensch, derEmpfindlichkeit gänzlich ermangelnd. Wie Karl, besaß er gutenatürliche Talente, die eine beklagenswcrthe Trägheit nutzlos fürden Staat machte. Wie Karl, hielt er alle Menschen für ver-derbt und eigennützig, und war ihnen doch nicht gram darüber.Seine Ansicht von der Menschennatur war die des Gulliver; aber