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Die französische Feinheit und Aufmerksamkeit fürGuerin hatte sich schon vorher auch dadurch bewiesen, daßdie Direktion desHieatre franqais und der Grande Operaihm als Zeichen der hohen Achtung für sein Talent denfreien Eintritt angetragen harte.
Dienstag, den S. Mai.
Diesen Morgen machte ich mich um 5'/r Uhr auf denWeg nach Versailles. Alle Läden, so wie das PalaisRoyal und die Tuilericn waren noch geschloffen; in denstillen Straßen wandelten blos Landleute, Arbeiter, Wasser-tragcr, Schuhputzer standen auch schon auf ihren Posten.Am Quai riefen mir schon Kutscher entgegen, denen dievierte Person fehlte. Diese Cabriolets de Campagne, derenman 3000 zählt — fiaeres ä 2 chevaux, 1800 — ladenmit dem Kutscher 6Personen für 1 Pferd!! — Die Personzahlt 30 S., und in drei Stunden fährt der Kerl nachVersailles; in Sövres, halbwegs, hält er noch 10 Minuten,wenn man etwa frühstücken will, — es war ein herrlicherMorgen — jenseits der Seine übten sich,auf dem MarS«felde Truppen in dem weiten Raum, der 410 Klafter lang,200 breit ist, — und wohl nie schöner war, als am großen Bun-desfest 14. Juli 1790, das an die 500,000 Menschen hier
Seüe gerichtet, den Blick auf Einen Punkt geheftet. Jeder suchtein Gemälde, Keiner verläßt es: das ist Phädra, das ist Theseusund der edle Hippolyt, ruft man von allen Seiten; ich nähere micheinen Augenblick; welche Wirkung! welches Wunder! welch' einZauber! Ich gestehe, ich glaubte von ihrem stummen Munde dieschonen Verse des größten Dichters zu hören, und durch die Illusiondieses göttlichen Bildes noch Racine ju hören, indem ich Guerin be-wunderte !