Band 
Erster Band.
Seite
281
JPEG-Download
 

28l

daß wir sind, das läugnen wir, das empfinden wirals ungereimt.

Wohl hat dieser Gedanke etwas sehr niederschla-gendes: daß durch eine blos angewöhnte, zufällige,fast durchaus schon Gedankenlos gewordene Verknüp-fung von Vorstellungen, Urtheilen und Empfindun-gen, das Wahrheitsgefühl des Menschen gleichsamvon seiner Stelle gerückt, sich selbst untreu werden undfalsches Zeugniß geben kann; der Gedanke, daß wirnie die Wahrheit selbst, sondern immer nur unser Le-ben lieb haben; nie recht erfahren können, was nurWahrheit ist. — Sie ist verborgen in unserm Leben;Geheimes im noch Geheimeren. Doch schimmert hierein Licht der Hoffnung. Es ist ein Gedanke hoher Ah-nung, daß nur Entwickelung des Lebens Entwicke-lung der Wahrheit ist; beyde, Wahrheit und Leben,Eins und Dasselbe.

Jener gewissen Erfahrung indessen: daß Begriffe,Urtheile, Meinungen und Leidenschaften, zu denenwir, wie zu unserer Muttersprache, die unseren Ver-stand uns allmahlig einflößte, gekommen sind, durchbloße Autorität und Angewöhnung auf unseren Bey-fall mächtiger als die bündigsten Schlüsse, als die auf-