Band 
Sechster und letzter Band.
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Behauptung als wahr vorausgesetzt, daß Liebe einVermögen höherer Art und höheres Ursprungs sey, alsdie allen lebendigen Naturen auf gleiche Weise zukom-mende Begierde. Denn sagen wir nicht auch von demGeizigen, daß er das Geld, von dem Trunkenbolde,daß er die Völlerei liebe? Wie sollte nun das einVermögen höherer Art genannt werden dürfen, wasuns sogar unter die Thierheit herabziehen kann?

Schwachen und sogar scheinbar vertilgen läßt sichdieser Vorwurf und der mit ihm aufgeregte Zweifel,wenn wir ihm entgegensetzen, daß hier der Liebe nichtsangeschuldigt werde, was nicht die Vernunft selbst, undihre Quelle, die Freiheit, in gleichem Maße treffeVon jeher sind ja diesen ganz dieselben Vorwürfe ge-macht worden, selbst von angesehenen Weltweisen.Welche Ausschweifung, laßt Cicero seinen Catulus sagen,welche Handlung zügelloser Willkühr, des Muthwillens,der Wollust, der Habsucht, welches Verbrechen , vonwas Art es sey, wird entworfen und vollbracht ohneZuthun der Vernunft? Geht nicht alles Vor schlicheaus ihr allein hervor? Entwurf, Ueberlegung, Wahl,Beschluß sind ihr eigenthümliches Geschäft. Sie ist es,die jede Kunst, jede Geschicklichkeit ersinnt, und wem?Etwa nur dem Wohlmeinenden, und nicht auch einerMedea, einem Thyestes und Atreus? Ueberall unterden Menschen finden wir sie geschäftiger, dem Betrüge,der Hinterlist, der Unmäßigkeit und Ungerechtigkeit, derHerrschsucht und der Habsucht, überhaupt dem Bösenzu dienen, als dem Guten. Und so ist sie offenbar für