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Fast parallel mit dem Laufe des Nils schliesst die-südliche Hälfte der Hoch-ebene im Westen mit einem Steilrand von 100 — 300 Meter Höhe plötzlich ah.Kurze, aber tief eingeschnittene Thäler und Schluchten, zackige Vorsprünge undgewaltige Schutthalden verleihen dem Gehänge, welches die Einsenkung derthebaischen Oasen begrenzt, ein wildes, an Hochgehirgs-Landschaften erinnerndesAussehen. In der südlichsten Oase Chargeh sieht man den Steilrand im Osten; erwendet sich an ihrem Nordende, der starken Biegung des Nils zwischen Quenehund Girgeh entsprechend, rechtwinklich gegen Westen und zieht als Nordrand anDachei vorbei. Beide Oasen stehen in unmittelbarem Zusammenhang, ihre tiefsteEinsenkung liegt unmittelbar am Fusse des Gehänges und dort besteht ihr Bodenaus bunten, grellroth oder grün gefärbten Mergeln, die von Sandsteinbänkenunterbrochen die lichten Kalksteine der benachbarten Höhen unterlagern. GegenSüden und Westen verlaufen die beiden Oasen ohne bestimmte Grenze in die' Wüste. Zwischen Dachei und Farafreh verliert sich der Steilrand eine Streckeweit unter Sanddünen, tritt aber östlich von Farafreh wieder stattlich hervorund bildet, indem er sich in weitem Bogen nach Südwest zurückwendet,eine grosse Bucht, worin die zerstreuten Palmengärten und Getreidefelder derOase wie winzige grüne Inseln hervorleuchten.
Nördlich von Farafreh dehnt sich das Kalkplateau nach allen Richtungenund namentlich auch nach Westen hin aus, aber indem es sich mehr und mehrverflacht, gewinnt es zugleich einen milderen Charakter. Hat man in der Rich-tung nach Siuah eine durch Einförmigkeit geradezu abstossende Hammada über-schritten, so gelangt man in die von der grossen Syrte bis zum Nil verlaufendeDepression, worin die Oasen Andjila, Siuah, Garah, die verlassene Ansiedelungvon Aradj und eine Reihe azurblauer Salzseen liegen. Auf dieser von der Naturgeschaffenen Strasse bewegt sich seit Jahrhunderten der Landverkehr zwischenAegypten und Tripolitanien. Sie bildet den Abschluss des libyschen Kalkstein-plateau’s und zugleich die Südgrenze einer zweiten, aus jüngeren Tertiärschichtenbestehenden Hochebene, welche erst an den Ufern des Mittelmeers ihr Endefindet. Die bemerkenswertheste Eigenthümlichkeit dieser Depressionswüste beruhtin zahlreichen, beckenartigen Einsenkungen, von denen die kleinern durch steile,wenn auch niedrige Felswände scharf begrenzt sind. Weicher Salz- oder Gyps-haltiger, von Feuchtigkeit durchtränkter Blättermergel ist ihr Boden und wodas Uebermass von Salz nicht den Pflanzenwuchs verhindert, sprossen Wüsten-gewächse, darunter auch wilde Palmen in ungewöhnlicher Menge hervor. Inden tiefsten und grössten Mulden gibt es aufsteigende Thermalquellen süssenWassers, häufig auch scharfgesalzene Salzseen, umgeben von ausgedehnten,braunen Salzsümpfen.