VIII
Vorwort zur Sonderschrift: Realwerthe.
hältnisse nicht Jedermanns Sache ist. Die Staatsgewalt aber nimmt ihreTaxatoren aus den Reihen der alten, erfahrenen Baumeister, denen die Eignungzur Vornahme von Schätzungen zumeist fehlt, weil ihre Berufsthätigkeit siein ganz anderen Richtungen zu arbeiten zwingt.
Wenn irgend ein Gegenstand der gewerbsmässigen Production geschätztwerden soll, so handelt es sich zumeist um die Bestimmung der Reproductions-kosten. Das trifft ganz genau zu, wenn es sich um solche Erzeugnisse handelt,die neu und noch gangbar sind. Ist das Product zwar gangbar aber alt,dann muss eben diesem Umstande Rechnung getragen werden. Schwierigergestaltet sich die Taxation, wenn das Product nicht mehr gangbar ist, wennalso nur mehr der Materialwerth oder ein Seltenheitswerth, endlich ein Alter-thumswerth oder ein archäologischer Werth vorliegt. Nun ist aber hierzumeist der Laie schon im Stande, zu unterscheiden, welche Werthart demGegenstände innewohnt und danach wird schon die Wahl des Taxators ge-troffen. Und schliesslich wird auch der Schätzende es ablehnen, ein Urtheilüber den Werth zu fällen, wenn er glaubt, dass dem Gegenstände ein Werthzukommt, zu dessen Beurtheilung er nicht competent ist. Ganz so, wie ge-werbliche Erzeugnisse, wie Waaren, wurden vor Jahren Gebäude aller Arttaxirt. Hierbei war das Ergebniss der Taxation zumeist die Ziffer der Re-productionskosten mit geringen Correcturen. Das ging nun ganz gut an, zueiner Zeit, wo die Zahl der Gebäudearten eine geringe war, wo die wirth-schaftlichen Verhältnisse eine Werth Veränderung an längere Zeiträume banden,wo viele moderne volkswirthschaftliche Einrichtungen unbekannt oder kaumüber die ersten Anfänge hinaus waren, kurz in einer langsam lebigen Zeitbehäbiger und bedächtiger wirthschaftlicher Entwickelung.
Wie ganz anders aber liegen die Verhältnisse heute, wo nicht allein dieArten der Gebäude wesentlich an Zahl zugenommen haben, wo das Ver-sicherungswesen, das Creditwesen, der Steuermodus von weit reichendemEinfluss auf die Bewerthung der Realitäten geworden sind, wo diese Ein-richtungen in Gemeinschaft mit dem Aufblühen der Industrie und desHandels zur Unterscheidung der verschiedenen Arten der Realwerthe drängen,wo Werth Veränderungen von unglaublichem Umfange in wenigen Decennien,ja Jahren sich ereignen.
Hier treten an den Schätzmann Aufgaben heran, deren Lösung nichtallein gewerbliche Kenntnisse, sondern in viel höherem Maasse des weit-reichenden Blickes des wissenschaftlich gebildeten Fachmannes bedarf.
Was nun die vorliegende Schrift an sich anbelangt, so bittet der Autordie Nationalökonomen von Beruf, sowie nicht minder seine Fachgenossen,bei Beurtheilung seiner Arbeit darauf Rücksicht nehmen zu wollen, dass essich im vorliegenden Falle um einen ersten Versuch handelt, und dem Autor,in so fern es sich um den Abschnitt V handelt, jede Möglichkeit fehlte,sein Urtheil an dem berufener Meister zu kräftigen.
Wien, im August 1897.
Ing. Josef ßöttinger.