80
Erste Abtheilung. Dritter Abschnitt.
strichene Saite lässt demgemäss auch neben ihrem Grundton einegrosse Zahl von harmonischen Obertönen hören, desto mehr inder Regel je feiner sie ist. Der eigenthümlich klimpernde Klangsehr feiner Metallsaiten verdankt offenbar diesen hohen Neben-tönen seinen Ursprung. Man kann leicht mit Hilfe der Resona-toren die Töne bis zum sechszehnten unterscheiden. Die höherenrücken einander zu nahe, um sie noch deutlich zu trennen.
Wenn also eine Saite durch einen musikalischen Klang, derim umgebenden Lufträume erregt worden ist, und der ihrem Grund-tone an Höhe entspricht, in Mitschwingung versetzt wird, so wer-den in der Regel eine ganze Reihe verschiedenartiger einfacherSchwingungsformen der Saite gleichzeitig erregt werden, da näm-lich, wenn der Grundton des Klanges dem Grundtone der Saiteentspricht, auch alle harmonischen Obertöne des Klanges denObertönen der Saite entsprechen, und die entsprechende Schwin-gungsform der Saite deshalb erregen können. Ueberhaupt wirddie Saite durch Luftschwingungen so oft in Mitschwingung ge-bracht werden, als bei der Zerlegung jener Luftschwingungen ineinfache Schwingungen darin Glieder Vorkommen, deren Schwin-gungsperiode einem der Saitentöne entspricht, ln der Regel wer-den sich aber, wenn ein solches Glied vorhanden ist, noch mehrerefinden, und es wird in vielen Fällen schwer zu ermitteln sein,durch welche Töne unter denen, welche sie angeben kann, dieSaite in Bewegung gesetzt ist. Deshalb sind die gewöhnlichenunbelasteten Saiten nicht so gut wie Membranen oder die Luft-massen der Resonatoren zu gebrauchen, um durch ihr Mitschwin-gen die in einer Klangmasse vorhandenen Töne zu finden.
Um Versuche am Claviere über das Mitschwingen der Saitenanzustellen, hebe man den Deckel des Instruments, so dass dieSaiten frei liegen, drücke dann die Taste der Saite, welche mit-schwingen soll, etwa c', langsam herab, ohne den Hammer zumAnschlag zu bringen, und lege quer über die Saiten des c' einkleines Holzsplitterchen. Man wird finden, dass das Splitterchenin Bewegung geriith, oder selbst abgeworfen wird, wenn man ge-wisse andere Saiten des Claviers anschlägt; die Bewegung desSplitterchens ist am stärksten, wenn einer der Untertöne des c'angeschlagen wird, also c, F, C , Asi, Lj, T)\ oder C\. MassigereBewegung tritt auch ein, wenn einer der Obertöne des d ange-schlagen wird, c", g" oder c"\ doch bleibt im letzteren Falle dasHölzchen liegen, wenn man es auf die betreffenden Knotenpunkte