Das Wahrsagen.
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Monaten oder Jahren ein, je nach den verschiedenen Zeiten derNacht, in der das Gesicht sich gezeigt hat. Die Bedeutungen sind(z. B. nach H. Werncr's Zusammenstellung): ein Leichentuch umeine Person geschlagen bedeutet ihren Tod. Umhüllt es sie nichtüber die Mitte des Körpers, so erfolgt der Tod nicht innerhalbeines Jahres, oft erst einige Monate später. Reicht das Tuchhöher, so stirbt der Gesehene in wenigen Tagen oder Stunden.Ein Todtenkopf auf der Brust eines Menschen deutet auf eineschwere Krankheit; gekreuzte Beine unter dem Kopfe auf eine tödt-liche. Steht ein Frauenzimmer zur Linken eines Mannes, sowird sie seine Frau; sind es mehrere, so ist die nächste gemeint.Einen Feuerfunkcn auf Jemandes Arm oder Brust fallen sehen,deutet auf den Tod eines Kindes in seinen Armen. — Manvermag durch absichtlich in den Weg gelegte Hindernisse die Er-füllung des ausgesprochenen Gesichtes nicht zu hintertreiben; esist noch nie gelungen, durch einen solchen Versuch irgend eineAenderung hervorzubringen, und es scheint, als ob bei der Visionauch schon das Hinderniß stillschweigend in Berechnung genom-men worden wäre; kurz die reine Thatsache wird geschaut, wiesie kommen muß, nicht wie sie kommen könnte.
Werner führt für die verschiedenen Arten des zweiten Ge-sichts, wie sie sporadisch entstehen, und wie sie im magnetischenSchlafwachen vorkommen, wahre historische Belege an (a. o. O.S. 69), von denen hier ein paar folgen. — Dorothea Schmidtaus Göz bei Brandenburg litt als Mädchen von 18 Jahren anhysterischen Krämpfcn, unter welchen sich das zweite Gesicht all-mälig entwickelte und endlich einen solchen Grad von Vollkom-menheit erreichte, daß sie bis zu ihrem Listen Lebensjahre alleTodesfälle in Göz voraussah. Selbst ihre Schwangerschaft hattekeinen Einfluß auf ihre Sehergabe und sogar nach Verlust derMenses im 46sten Jahre behielt sie sie in ihrer Kraft. DieVorschau geschieht in der Regel des Nachts zwischen 11 und 12Uhr. Da erwacht sie mit großer Angst, die sie jedesmal insFreie treibt, wo sie dann sogleich den Lcichenzug sieht, mit dessenAnschauen sie ruhig wird und dann sich wieder zu Bette legt(also eine hellsehende Schlafwandlerin). Früher sah sie von ihrerWohnung aus das Haus, von welchem der Zug ausging; späteram Eingang des Dorfes wohnend, konnte sie nur die Kirche