Kunstsprache.
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Das erste Bedürfniß, welches sich schon seit langer Zeit fühlbar gemachthatte, war, die auf unserer Erde vorkommenden Pflanzen richtig erkennenund unterscheiden zu lernen. Daher sehen wir auch zuvörderst die Phyto-gnosie, und zwar vorzugsweise die Diagnostik von Linns und seinenNachfolgern gepflegt. Da die gegenseitige Verständigung unter den älteren Bo-tanikern schon durch den Mangel einer übereinstimmenden Ausdrucksweise unge-mein erschwert wurde, so schuf Linus 1) eine besondere
Kunstsprache
(Terminologie oder Glossologie), in welcher er für jeden Theil derPflanze und für die wichtigeren oder eigenthümlichen Verhältnisse desselben einenbestimmten Ausdruck feststellte, und damit diese Ausdrücke den Gelehrten allerNationen zugleich verständlich wärm, nahm er dieselben aus der lateinischen undgriechischen Sprache, woraus sie alunälig auch in die verschiedenen lebenden Lan-dessprachen übersetzt wurden. Es haben zwar nicht alle von ihm aufgestellten Aus-drücke heute noch ihre Geltung, indem mit der seit seinem Tode mehrfältig be-richtigten und veränderten Anschauungsweise auch manche seiner Ausdrücke zumTheile in einer andern Bedeutung genommen, zum Theile ausgeschlossen und durchandere, freilich nicht immer besser gewählte ersetzt und endlich durch eine Anzahlneuer für verschiedene von Linns unbeachtet gebliebene Theile und Verhältnissevermehrt wurden; aber die von ihm herrührenden bilden doch noch immer deneigentlichen Kern der Terminologie. Als die hauptsächlichsten der jetzt noch gelten-den Kunstausdrücke für die Pflanzentheile, welche zugleich zum Verstehen des spä-ter Vorzutragenden nöthig sind, können etwa folgende herausgehoben werden:
Die Wurzel, ruckix, der Theil der Pflanze, dessen jüngstes Ende sich stetsdem Boden zuwendet und meist in diesen eindringt, und welcher niemals Blätteroder deren Andeutungen trägt; sie hat entweder eine stärkere, abwärts wachsendeHauptwurzel, raäix primarla (oMäex ässeenäens /,.), welche sich indickere Aeste, rami, und feinere Zasern, kidilllas (rackieulae L.), theilt, odersie besteht ganz aus Zasern, ohne Hauptwurzel — Zaserwurzel, rs-llx üdril-IvSÄ (r. übrosu /,.)
Der Stamm, StilPS (trrmeus L,.), der Pflanzentheil, dessen Gipfel nachder Oberfläche des Bodens hinstrebt, sehr häufig über diese cmportritt, dem Lichteentgegen wächst und in den allermeisten Fällen mit Blättern oder deren Andeu-tungen besetzt ist; er heißt Wurzelstock, rlüsoms, wenn er, gleich einer Haupt-wurzel, unter der Erde bleibt; Stengel, euiLs, im weitem Sinne, wenn erüber diese sich erhebt, im engern Sinne aber, wenn er eine krautige Beschaffen-heit hat; Holzstamm, tmveus, wenn er über der Erde mehrere Jahre aus-dauert und holzig wird, wo er in den meisten Fällen auf seinem Querdurch-schnitte in concentrischer Schichtung aus Mark, meäulla, Holz, IiMum, Bast,liber, und Rinde, eortex, zusammengesetzt erscheint; Halm, Luliims, ist einbesonderer Ausdruck für den Stengel der Gräser und der ihnen verwandten Pflan-zen; Stock, euullex (enuck. asceulleiis T,.), für den meist astlosen, ausdauern-den Stamm der Farne, Palmen und anderer Pflanzen von ähnlicher Tracht.-Wenn sich ein Stamm verzweigt, so entstehen Aeste, rsmi, und durch derenweitere Verzweigung Aestchen oder Zweiglein, rsmuli; ein Ast oder Zweig-lein, welches Blüthen trägt, heißt Blüthenstiel, peäuneulus; ein Blüthen-stiel, der aus einem Wurzelstocke entspringt, Schaft, sespus; der schaftartigeFruchtstiel bei Pilzen wird Strunk, stipes, der meist fadenförmige bei Moosenund Lebermoosen Borste, sein, genannt. — Wenn der ganze Körper der Pflanzeoder doch der vegetative Theil derselben so gleichförmig gebildet ist, daß sich we-