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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Botanik.

gere Medium bewirkt doch einen weit geringern Grad der Verschiedenheit imVegetations-Charakter der einzelnen Zonen, als auf den Kontinenten. Dabeidarf jedoch nicht übersehen werden, daß die Pflanzen des Meeres nur ganz we-nigen Familien angehören und schon deßhalb weniger in ihren Formen abweichen,als die Landpflanzen. Dennoch machen sich manche Eigenthümlichkeiten auch inder Verbreitung der Meeresvegetation bemerklich, die wohl zum Theil in derverschiedenen Ausdehnung der Wassermasseu, in der Begrenzung derselben durchInseln und Kontinente, so wie in den Meeresströmungen, welche auf die Tem-peratur des Wassers und auf die Verbreitung der Meerespflanzen von bedeu-tendem Einflüsse find, ihre Erklärung finden, aber doch nicht alle daraus erklärtwerden können, wie, um nur einige Beispiele anzuführen, das bloß auf dieSüdspiße Amerika's beschränkte Vorkommen der lllaininaria oepaestipss und da-gegen die durch alle Zonen der amerikanischen Gewässer vom Norden bis zumKap Horn reichende Verbreitung der lAüeroo/stis p^rilpra, welche, mit Aus-nahme des Vorgebirges der guten Hoffnung, in allen Gewässern der alten Weltfehlt. Ueberhaupt geht aus dem bisher Gesagten so viel hervor, daß aus demEinflüsse des Bodens, der Temperatur- und Witterungsverhältnisse allein nochnicht der mannigfaltige Wechsel in der Verbreitung der Pflanzen sich erklärenläßt, und daß noch andere, zum großen Theil uns unbekannte Ursachen hierbestimmend einwirken müssen.

Während bei der Verbreitung der Pflanzen die verschiedenen Raumabthei-lungen der Erdoberfläche nach ihrem vorherrschenden Vegetations-Charakter auf-gefaßt worden, beruht die Verth eilung der ersteren auf dem Verhältnisse derIndividuen oder einzelnen Arten, Gattungen und Familien zu dem Flächenraume,den sie überhaupt einnehmen, oder auch zu einem bestimmten Bezirke, entwederan und für sich oder im Vergleiche mit anderen Pflanzen betrachtet. Werdendabei nur die Formest der Pflanzen und das dadurch bewirkte allgemeine An-sehen einer Gegend beachtet, so ergibt sich die Physiognomik der Gewächse;wird dagegen die absolute Zahl der Arten oder das relative Zahlenverhältnißderselben zu denen anderer Gruppen oder zur Gesammtzahl der Pflanzen einesBezirkes oder der ganzen Erde dargelegt, so erhalten wir eine Pfanzen-Statistik.

Schon bei der Vertheilung der Individuen verschiedener Arten bemerkenwir den Unterschied, daß diejenigen gewisser Arten einsam und zerstreut stehen,und darum oder auch wegen ihrer Kleinheit unter den übrigen Pflanzen sich gleich-sam verlieren, ohne zu dem allgemeinen Eindrucke, den der Anblick einer Ge-gend durch ihre Vegetation auf uns macht, etwas beizutragen, andere dagegendurch ihr geselliges Beisammenwachsen mehr oder minder bedeutende Streckenüberziehen und dadurch auf das eigenthümliche Aussehen einer Gegend von ent-schiedenem Einflüsse sind. Große, mit Haiden, Torfmoosen oder mit der Renn-thierflechte in überwiegender Masse überdeckte Strecken geben einer Gegend einganz anderes Ansehen, als ausgedehnte mit geselligen Gräsern bewachsene, grüneWiesenflächen oder mit wogenden Getreidefeldern überdeckte Auen. Anders ist derEindruck, den eine Reihe mit Reben bepflanzter Hügel, als jener, den eine wald-bewachsene Gegend auf uns macht, wobei wieder ein großer Unterschied zwi-schen dem düstern Aussehen der Tannenwälder und dem heitern Anblicke, welchenein Buchen- oder Birkenwald gewährt, sich geltend macht. Wir können uns fer-ner leicht denken, wie abweichend von dem Ansehen der nnsrigen die Physiogno-mie der tropischen Gegenden durch die daselbst vorkommenden Pflanzenformensein mag, wo die sonderbaren Mangle- und Mangrovewälder die Küsten einfassen,wo das Dunkel undurchdringlicher Urwälder das Binnenland bedeckt, wo Pal-