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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Gestrltlehre.

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Haaren aus dem Laube oder Stamme entspringen, wie bei Lebermoosen undMoosen, wodurch das Ansehen einer Lewurzelung hervorgerufen wird.

Der andere Theil der Hauptachse oder der Stamm unterscheidet sich,außer dem von Anfang an in einer von der Wurzel entgegengesetzten Richtungfortschreitenden Wachsthume, von jener besonders noch dadurch, daß er bei allenmit Achsen-Organen versehenen Pflanzen die Blatt-Organe trägt. Die Stellen,an welchen die letzteren einzeln oder in Wirteln entspringen, also die eigent-lichen Blatt stellen, soäes loliorum oder pKMotopi, werden im AllgemeinenKnoten, iwäi, genannt, jedoch mit Unrecht, da sie sehr oft gar nicht knotigausgetrieben sind; die zwischen je zwei zunächst übereinander liegenden Blatt-stellen befindlichen-Achsenstücke bilden die Zwischenstücke, purtes interkoliuros(Stammglieder oder Zwischenknoten, intornoäia der Autoren). Von der Keimungan bilden sich aus der Spitze der Achse fortwährend neue Blattstellen mit denaus ihnen hervorgehenden Blättern, welche Anfangs immer nur durch sehr kurzeZwischenstücke geschieden sind. Bei der weitem Entwickelung verlängern sichentweder diese Zwischenstücke und werden zu deutlich erkennbaren, mehr oderminder gestreckten Stammgliedern, durch welche die Blattstellen auseinandergerückt werden, oder sie dehnen sich nickt weiter in die Länge, und die Blatt-stellen mit ihren Blättern bleiben nahe übereinander gestellt. Dadurch entstehenzwei sehr verschiedene Formen des Stammes, nämlich die mit verlängerten unddie mit verkürzten oder auch völlig unentwickelten Zwischenstücken. Indessenkommt selten eine dieser Formen für sich allein durch die ganze Stammbilningvor; häufiger wechseln beide an demselben Individuum ab, so daß auf verkürzteZwischenstücke des Stammes und der Aeste verlängerte, und auf diese wieder(zumal in der Blüthe) verkürzte Zwischenstücke folgen, und wenn auch der ganzeausdauernde Stamm selbst verkürzt bleibt, wie bei den Zwiebelgewächsen, denPrimeln und den März-Veilchen, so sieht man doch gewöhnlich die Zwischenstückeder vergänglichen, blüthe- und fruchttragenden Aeste oder Gipfeltriebe mehr oderweniger stark verlängert. Der Stamm mit verkürzten Zwischenstücken bleibt zwaroft selbst sehr kurz, wie in den eben genannten Beispielen, was zum Theil,jedoch nicht immer davon herrührt, daß seine untersten Zwischenstücke und Blatt-stellen bald absterben und verschwinden; oft erhebt er sich aber auch zu einerbedeutenden Höhe, wie bei vielen Palmen und anderen Monokotpledoneen dertropischen Zonen, deren Stämme ebenfalls mir aus solchen verkürzten, ring-oder vielmehr scheibenförmigen Zwischenstücken bestehen. Es gibt viele Pflanzen,sowohl mit verkürzten als auch mit verlängertem Stamme, bei welchen derletztere ganz unter der Erde bleibt, wo er nicht selten zahlreiche Nebenachsen(Aeste) bringt und sich mit diesen weit im Boden verzweigt, z. B. bei Minzen,Quecken und Schafthalmen. Ein solcher unterirdischer Stamm sieht meist inseiner Farbe und zumal wegen der oft zahlreichen Nebenwnrzcln, die er trägt,einer Hauptwurzel ähnlich, und wird darum auch mit dem Namen Wurzel stock(Rhizom) belegt, obgleich seine ganze Entwickelungsgeschichte und die Gegen-wart von Blatt-Organen (wenn auch öfters nur in den von ihnen zurückgelassenenResten und Narben erkennbar) ihn immer von der Wurzel unterscheiden lassen.Als Wurzelstock ist der Stamm stets ausdauernd und eben so seine-Aeste, soweit sie unter der Erde bleiben. Wenn aber seine Aeste oder Gipfelsprosscnüber die Erde hervortreten, so sterben sie, nachdem sie Blüthe und Frucht ge-bracht, in.vielen Fällen ab. Es kann also bei derselben Einzelpflanze auch dieLebensdauer an verschiedenen Stellen des Stammes oder überhaupt der Ackseverschieden sein, und darauf beruht die Unterscheidung der Staud en oderperenni reu den Pflanzen, deren Msen-Organe unter der Erde ausdauern,Neue Encyklopädie. Bd. III. Nr. 1 . b. 5