Band 
Zweiter Band.
Seite
3
JPEG-Download
 
  

Schilderung von Ludwig XIV.

:i

war nicht weniger von den Völkern gehaßt, weil er stets sichgegen ihre Freiheiten verschwor und oft die schrecklichste Will-kür sich herausnahm. Sein eigenes Volk haßte ihn, weil esdurch Auflagen sehr gedrückt war und von seinem Militär miß-handelt wurde, und weil er mit furchtbarer Grausamkeit Jedenbehandelte, der in religiösen Fragen nicht seinem Glauben bei-pflichtete.

Sein Talent, die Menschen zu kennen und jeden an diepassende Stelle zu setzen, blieb ihm noch. Er hatte zu seinemMinister der auswärtigen Angelegenheiten den Markis von Torcpgewählt, den Sohn seines Vorfahrs Colbert von Croissy, derihn in seiner zarten Jugend in die Geschäfte eingeweiht hatte.Seit seinem 19. Jahre waren ihm Sendungen an fremde Höfeanvertraut; auch trug er das Meiste bei, Frankreich aus seinerverzweifelten Lage zu retten. Nicht weniger wichtig war aberdie Wahl von Dcsmarets zum Finanzministcr. Er war Neffeund Schüler von Colbert und ward dem König durch Chamillardvorgestellt. Während auf dem Staat 4000 Millionen Schuldenlasteten, das Einkommen schon mehre Jahre im Voraus bezogenwar und noch der schreckliche Winter von 1709 dazu kam, wußteer dennoch durch seinen Eifer, seine Talente und Arbeitsamkeitallen Bedürfnissen Genüge zu leisten, den Kredit herzustellenund dadurch wesentlich beizutragen, daß Ludwig nicht erlag undin Utrecht noch ein leidlicher Friede geschlossen werden konnte.Ludwig Philipp, Graf von Pontchartrain, der als Finanzministerdurchaus nicht an seiner Stelle war, erhielt diejenige des Kanz-lers. Er besaß viel Geist, Lebhaftigkeit, Leichtigkeit und Gründ-lichkeit in der Arbeit, Menschenkenntniß und Einfachheit. Hin-gegen Voysin, der nur Kriegsminister wurde, weil er und seineFrau Freunde der Frau von Maintenon waren, verstand gar

Sismondi XXVI. »76-383. Kausler I. 366.