Band 
Sechster Band.
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128 Tab. 4. Die Regeln der Malerkunſt

u. Wenn man die Natur durch eine kluge und kunſtmaͤßige Wahl unterſcheidet;und zu dem Ende einer jeden Figur den Charakter, der ihrer Perſon gemaͤß iin der Handlung zueignet; wobey Acht zu geben:

1. Auf das Geſchlecht; da ein Mannsbild, von viel ſtaͤrkerer Leibesbeſchßfenheit, und in ſeinen Bewegungen viel hurtiger, auch mit grbſſoFreyheit, als ein Weibsbild erſcheinet, welches hingegen ſittſam uanſtaͤndiger vorgeſtellt wird. b

2. Auf das Alter; deſſen unterſchiedene Grade auch unterſchiedene Bel,gungen hervorbringen: ſowohl was die Gemuͤthsbewegungen als die Hanlungen des Leibes betrift.

3. Auf den Stand: Hohe Ehrenſtellen, welche eine Perſon bekleidet, get,auch ihren Handlungen und Bewegungen ein ernſthafteres und bedaͤchgeres Anſehen; da hingegen der Poͤbel ſeinen Affecten mehr nachhaͤnge 0woraus entſtehet, daß der gemeinen Leute aͤuſſerliche Handlungen auch viunordentlicher und groͤber ſind, als der vornehmern.

4. Auf diejenigen Koͤrper, die geiſtlich oder goͤttlich ſind, bey welchen alewas der Vergaͤnglichkeit unterworfen iſt, und bloß zum Lebensunterha bgehoͤret, ſo viel moͤglich abgeſondert werden muß; als die Adern, 15ven und dergleichen: Es ſoll nichts, auſſer was zur Geſtalt und Schoheit des Leibes dienet, an ihnen ausgedruckt werden. 1

5. Auf die Engel, welche nur ſymboliſche Figuren ſind, dadurch ihre hin,liſchen Eigenſchaften angedeutet werden: An dieſen ſollen niemals ein 5ge Zeichen einer ſinnlichen Leidenſchaft erſcheinen, ſondern ſolche Me 6mahle und Charaktere, welche den Verrichtungen, darinn ſie vorgeſtelet werden, gemaͤß ſind; als:

1. Der Starke.2. Der Geſchwindigkeit.3. Der tiefſinnigen Betrachtung.

Die vierte Tabelle,

Enthaͤlt die Regeln 5 Malerkunſt vom Licht undchatten. NOn der Malerkunſt finden ſich zwey Hauptſtuͤcke, welche bey einem jeden GemaeldeN vorkommen, und woraus daſſelbe beſtehet: nemlichJ. Das Helle oder das Licht, welches zu betrachten iſt1. In Anſehung des Lichts an ſich ſelbſt; welches entweder1. Natuͤrlich, und ſeinen Urſprung hat1. Unmittelbar von der Sonne: Dieſes iſt hell und glaͤnzend; und hat uden verſchiedenen Zeiten des Tages, ingleichen nach den in der Luft enſtandenen Duͤnſten, auch unterſchiedliche Farben. f2. Von der heitern Luft, durch welche ſich das Licht ausbreitet und derſtreuet, da die Farbe ins blaue faͤllt. 63. Von dem mit Wolken bedeckten Himmel, welcher das Licht bricht und 5was dunkel macht; hingegen den Augen groͤſſere Freyheit läſſet, dir ſegentlichen Farben der vorgeſtellten Sachen recht zu erkennen, indemvon dem glaͤnzenden Lichte nicht ſo ſehr geblendet werden. 2, Oder