Band 
Sechster Band.
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162 Die dritte Vorleſung. Vom allgemeinen und beſondern Ausdruck

Zuletzt merkte man noch an, daß ſich die Zeichen einer jeden Leidenſchaft/ beyder Verſchiedenheit der Bildung der Menſchen, und ihres Temperaments, und den man-cherley Graden der Leidenſchaften, unmoͤglich ganz genau angeben laſſen. Ein volles Ge-ſicht legt ſich nicht in dieſelben Falten als ein mageres; groſſe offene Augen thun enne ganz andere Wirkung als kleine tief in den Kopf liegende. Ein koleriſcher Menduſert andere Bewegungen als ein phlegmatiſcher und ſanguiniſcher; der Einfaltigehandelt ſehr verſchieden von dem Klugen. Alle dieſe Characktere darf der Manicht aus der Acht laſſen, um den Ausdruck der Leidenſchaften nach ſeinen Figuren,deren Verhaͤltniſſen und Umriſſen einzurichten.

Man brachte bey dieſer Gelegenheit auch etwas von dem, was einige Phyſickervon den Temperamenten ſchreiben, bey, nemlich daß ſich die Bewegungen der Se enach dem phyſiſchen Temperamente des Leibes richten, daß man von den auſerlichelKennzeichen allemal auf das was in der Seele vorgeht ſchlieſſen kann, und daß diGeſtalt eines jeden Thieres ſeine Sitten anzeigt. Der Loͤwe iſt ſtark und von nervigtem Anſehen, daher iſt er auch tapfer; der kriechende und zaͤrtliche Leopard iſt ſchlalund falſch; der wilde ſchreckliche Baͤr iſt auch grauſam; die auſerliche Geſtalt zeigt alſo das Naturell der Thiere an; daraus folgern die Phyſionomiſten, daß, wenn eiMenſch an irgend einem Theile ſeines Leibes etwas ahnliches mit einem Thiere hat ſſchdavon auf ſeine Neigung ein Schluß machen laſſe. Das Wort Phyſionomie zeignach der Grundſprache ein Geſetz der Natur an, in wie weit nemlich die Neigunge

des Gemuͤths mit der Geſtalt des Leibes eine Verbindung haben; folglich giebt es au

gewiſſe beſtaͤndige und deutliche Kennzeichen, daraus man die Gemuͤthsbewegungegerkennen und beurtheilen kann. Einige haben behauptet, daß ſich in dieſer 6ſenſchaft auch aus dem Gegentheil ſchlieſſen laſſe, ſo wie zum Exempel eine harteHaut gemeiniglich ein Kennzeichen eines harten wilden Naturells iſt, ſo iſt eine anfteHaut ein Merkmal eines weichherzigen zaͤrtlichen Charakters. Eine mit Haaren 5wachſene Bruſt zeigt meiſtentheils ein hitziges choleriſches, und eine glatte Bruſt higegen ein ſanfteres Temperament an. ̃

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Einige behaupten, daß man bey Angebung der Zeichen, welche das Naturell delThiere andeuten, einen Unterſchied machen muͤſſe, einige ſind nur einem einzigen Thierre, andere verſchiedenen Arten eigen. Die Geilheit iſt zum Exempel vornemlich denBoͤcken und Eſeln eigen, doch fehlt dieſer Trieb andern Thieren auch nicht. 5muß alſo eine einzige Gattung von Thieren waͤhlen, die alle eine gewiſſe Leidenſchaft 1ben, und darauf eine andre Gattung bey der ſie nicht ſo allgemein iſt. Man un;terſüche die Kennzeichen der Staͤrke bey allen Thieren, bey den Löwen, beym tier,beym Pferde, beym wilden Schwein ve. haben die andern Thiere auch das Kennechen der Starke, welches ſich beym Loͤwen findet, und die ſchwachen Thiere habennicht, ſo kann man ſicher annehmen, daß diß ein Kennzeichen der Staͤrke iſt.

Einige behaupten, das Kennzeichen der Stärke ſey, wenn die äuſern Theile 5Extremitaͤten) groß ſind, wie bey dem Loͤwen, wiewohl ſolches zweifelhaft iſt/ 5ſich ſolches bey andern Thieren, als den Pferden und Stieren, nicht findet. Andere ſagen, jedes Thier habe verſchiedene Arten von Leidenſchaften, der Loͤwe iſt giExempel tapfer, ſtark und hitzig. Um das Kennzeichen der Tapferkeit zu finden, dezſe man Acht geben, ob die Stiere und andere ſtarke Thiere beyderley Kennzeiche 9Löwen haben, nemlich groſſe Extremitaͤten, und eine hohe Stirne, haben ie bobs