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Der Boden der Hauptstädte Europa's : Geologische Studie / von Felix Karrer
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Abkühlung während der Nacht, der fortwährende Wechsel im Aus-dehnen und Zusammenziehen der Materie, das Alles wirkt, ichmöchte sagen wie eine riesige Feile ununterbrochen durch Jahr-tausende und Jahrtausende.

Jetzt kommt der Winter; das in Millionen Spalten, Rissen undHaarröhrchen in den Felsen circulirende Wasser friert, sprengtschliesslich seine Bande, und alljährlich, wenn der Schnee schmilztund die Wasser von den Bergen niederdonnern, stürzen ganzeMassen losgetrennten Gesteins zum Thalboden herab.

Jeder Regen wäscht das feinere Zersetzungsmateriale, grobenund feinen Detritus, Sand und Staub von den Felsen. Aus allenWasserriesen, Bächlein und Bächen kommen Jahr aus, Jahr ein dieunglaublichsten Massen von Gesteinsmaterialien zum Thale , werdenvom Wasser fortgeschleppt, gerathen in die Flüsse und Ströme undschliesslich nach langer Reise ins Meer.

Das Meer selbst ist wie ein lebender Organismus, und wenn esruhig ist, so bedeutet dies den Schlaf. Wenn es aber von Winden,von Stürmen gepeitscht und aufgewühlt sich rasend und wüthendan die Ufer wirft, sich auftliürmt zu haushohen Brandungen, sowidersteht auch das Ufer nicht länger; Stein um Stein wird los-gerissen und kollert in die Tiefe, und wo weichere Materialien einAbschwemmen, ein Unterwaschen erleichtern, stürzt oft Fels um Felsin den Schlund.

Das ist die Geschichte des Wiener Beckens, und diese Geschichteliest sich so einfach und schlagend in jedem nächstbesten Auf-schluss oder Steinbruch von den Wänden, dass es einem fast Wundernehmen muss, dass die Geologie bei uns eigentlich eine noch sojunge Wissenschaft ist.

Wir gehen einen Schritt weiter. Was geschieht mit all denvorher beschriebenen Gesteinstrümmern, Rollsteinen, Sandmassenund dem feinen Gebirgszerreibsel, wenn sie endlich ans Meergelangen?

Die Frage ist sehr leicht zu beantworten.

Wie der mit all den genannten Materialien beladene Flussdas grosse Wasser erreicht, wirft er ermüdet seine schwerste Lastvon sich, das sind die grossen Steine; noch trägt er kleinere Steineund Sand weiter, allein auch diese fallen bald zu Boden, nur diefeine Trübung, die suspendirten Thontheilchen schwimmen fort undfort, meilenweit hinaus in die hohe See, und wenn es dort sehrruhig ist, fallen auch sie zu Boden als feinster Schlamm.

Denken wir uns nun eine lange, lange Zeit der Ruhe, etwawie einen ruhigen Sommer; der Fluss bringt immer weniger und

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