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Der Boden der Hauptstädte Europa's : Geologische Studie / von Felix Karrer
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Folgen wir seinen Auseinandersetzungen:

Der Tiber mit seinem Hauptarm, dem Anio, sind Bergströme;in vielfachen Windungen geschlungen durchziehen sie die lateinischeEbene, welche in allmählicher Senkung, für den Fernblick fastohne Grenzen in das Meer sich verliert.

Anfangs raschen Laufes, dann immer mehr beruhigt, sendetder Tiber seine gelben Fluthen gegen die See, der er zwar Jahrfür Jahr einen Meter breit Land abgewinnt, daselbst aber von denrückstauenden Meereswellen gebrochen, mit seitlich abgelenktenArmen ganze Reihen brakischer Pfützen und Sümpfe unterhält.Was von den zahlreichen Bächen und Flüssen nördlich und südlichin der Umgebung Roms vom Tiber sich abschliesst und in eigenenGerinnen den Weg zum Meere sucht, hat wohl Kraft genug, wenndurch Regengüsse zeitweilig geschwellt, sich in lockeres Erdreicheinzugraben, kann aber, weil der Treibkraft der Alpenwässer entrückt,noch weniger den Widerstand des Meeres überwinden und mussum so sicherer in Morast verrinnen, wenn es nicht schon auf demWege dahin in Pfützen und Lachen sich staut, die das starksinternde Wasser sich selbst eindämmt. So entstehen jene fieber-athmenden Maremmen, welche sich an der Westküste Mittelitaliens südwärts bis zum Busen von Terracina hinziehen und dort als dieberüchtigten pontinischen Sümpfe das ganze Land absorbiren.

Wie die Umgebung, so auch Rom selbst. Nicht geraden Laufs,in Serpentinen geschlungen, bohrt sich der Tiber den Weg zwischenden sieben Hügeln hindurch, da wo er gegen den capitolinischenHügel zutreibt, verliert er seine bis dahin schon niedriger gewordenenUfer vollends, und ehe er zwischen dem Aventin und Janiculumdas Stadtgebiet verlässt, nimmt er noch die versumpfende Aquaraarcia auf.

Wir können uns daher den Boden des alten Rom und seinerUmgebung als ein wasserreiches Land vorstellen, schön begrast undam Flusse üppig bestockt, aber auch mehrfach unterbrochen durchMoräste und Sümpfe. Zwischen den Hügeln sammelt sich inNiederungen das Wasser häufiger Ueberschwemmungen, welchesnach Eintritt des Sommers unter der Gluth des Scirocco giftigeMiasmen verbreitet. Alte Schriftsteller (Galen, Livius etc.) weisenauf diese gesundheitsschädliche Beschaffenheit des Bodens von Rom hin, und noch mehr bezeugen es die Kapellen, welche die altenRömer der Dea febris weihten. Nach und nach erobert die Stadterst ihren Boden von dem Tiber durch kolossale Ummauerungen desForum und des berüchtigten Velabrun und leitet in der Cloacanaaxima das verpestete Grundwasser ab.

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