32
daß das Königthum nur am Militarismus einen sicherenRückhalt im Kampfe gegen die Interessen der beherrschtenKlassen habe.
Mit dem Feudalismus waren die ritterlichen Vasallenheerezu Grabe gegangen, die der alten Königsgewalt eine nicht seltenrecht unzuverlässige Stütze dargeboten hatten. Auch die kost-spieligen Söldnerheere, zu deren Anwerbung jedesmal unge-heure Summen aufgebracht werden mußten, hatten sich währendder beiden letzten Jahrhunderte überlebt. Sie waren für dieStaaten, die sie beschützen sollten, eine arge Geißel und hattendie Monarchen, die ihrer bedurften, allzusehr in die Händeder Condottieri*) gegeben.
Philipp II- von Spanien hatte seine Universalmonarchienoch ganz durch diese internationalen Söldnerhaufen gestützt.Heinrich IV. batte zuerst begonnen, sein Soldatenmaterial vor-nehmlich aus dem Jnlande zu nehmen, wo es billiger zu habenwar, und auf den „Miss xsrMuus", das stehende Heer, einbesonderes Gewicht zu legen. Aber erst die beiden Le Tellier,von denen der jüngere unter dem Titel eines Marquis vonLouvois berühmt geworden ist, gaben dem stehenden Heereder Bourbonen seine eigentliche Organisation.
' Louvois war, nach dem Urtheil eines guten Kenners derfranzösischen Geschichte, „ein Mensch ohne Herz, ohne Gefühl,höhnisch bis zum Cynismus, aus innerer Vorliebe gewaltthätigund brutal." Kann man sich einen idealeren Vertreter desMilitarismus denken? Er führte das absolutistische Systemin der Armee durch, beschränkte die Rechte der Obersten undHauptleute, die bisher die unteren Offiziersstellcn nach eigenemGutdünken vergeben durften, führte die Uniformirung der bisdahin sich nach eigenem Gutdünken kleidenden Soldaten ein,formirte besondere Artillerieregimenter und schuf die Spezial-waffen der Mineure, Grenadiere (Schleuderer von Handgranaten)und Dragoner (Infanteristen, die bei Märschen zu.Pferde saßen,
*) Militärische Unternehmer, Anführer von Söldnerschaaren.