Band 
[Ein und dreissigster Band. - Zwei und dreissigster Band.]
Seite
405
JPEG-Download
 

405

die frohen Minuten Eines Tags in den Brennpunkt einereinzigen Minute sammelt, so wirkt diese Verdichtung dochnur wie die der Mondstralen blos Licht, nicht Wärme. Nurdie Kunst *), diese verklärende Wiederbringung allerDinge, läßt die alten Gefühle lebendig aus der Vergangen-heit auferstehen, indem sie auf ihre Weise ihnen Zeiten undRäume der Wiedergeburt- bereitet. Aber wer es kann, sollteeben sein eigener Dichter für seltene, einzige, durchgreifendeStunden — als für die Stundenrufer des ganzen Lebens— werden, durch ein Tagebuch, das vvm äußern historischenGerüste und Spalier blos soviel aufstellte, als zum Befesti-gen und Anknüpfen der lebendigen Blüten nöthig ist.

Und da hier natürlich nicht vom Gewöhnlichen die Redeist, das sich durch sein Wiederkehren von selber verewigt —sonst verschlänge das Tagebuch die Tage, und das Erlebenwürde bloßes Beschreiben; ja dieses unter der Hand wiederjenes — und da das Beste zugleich das Seltenste ist: sowürden solche Firsterne höherer Stunden, die sonst nur alswegfliegende Sternschnuppen oder Himmel-Erscheinungen ver-gangen wären, als Sternbilder des Kreises, durch welchendas Leben gezogen wäre, fortblitzen, und der Mensch könnte

oft nach ihnen aufwärts blicken.-So etwas wäre wol

etwas für den armen Menschen, zumal da er eigentlich inder Leere seiner Gegenwart immer nach neuen und starkenGefühlen aufsieht und jagt, blos weil er die alten nur imKopse, aber nicht im Herzen behalten. —

Soviel aus dem Eingänge zu des Kandidaten RichterTagebuch. Wie treu er sich darin selber Wort gehalten, er-sieht die ganze Nachwelt aus seinen späteren Werken, in

*) Dieß wurde im Aufsätze: Immergrün der Empfindungenausgeführt.