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Für meine Freunde : Lebens-Erinnerungen / Jac. Moleschott
Entstehung
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135
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V. Utrecht. 135

hocherfahrenen Mannes und der Verwandtenliebe hielt ichzunächst mit meiner Ansicht zurück. Ich untersuchte auf-merksam und wiederholt, und als ich meiner Sache sicherwar, erklärte ich bestimmt, die junge Dame sei nicht schwind-süchtig, sondern habe einfach die Bleichsucht, und wenn siemeinen Rath befolgen wollte, würde sie in drei Monatenvöllig hergestellt sein. Und so geschah es. Vor wenigJahren, also mehr als vierzig Jahre nachher, war die Damenoch am Leben und bewahrte mir die dankbarste Gesinnung.Ich entblödete mich aber nicht zu glauben, daß ich meineSache besser verstände als jener viel erprobte Gewährsmann,nur mußte ich annehmen, daß dieser übermäßig beschäftigteArzt die Kranke nicht sorgfältig genug untersucht hätte.Eine ähnliche Verwechslung ist mir später wiederholt vor-gekommen, weil man häufig zu sehr geneigt ist, demschlechten Aussehen, etwas Athemnoth und Husten, mit mehroder weniger Abmagernng verbunden, sofort die schlimmsteBedeutung beizulegen.

Meiner ersten Kranken hatte mich ein lieber Schul-kamerad der Boxteler Zeit, Marinus Destombe, zugeführt.Leider war dies eine Schwindsüchtige, die ich bald alsrettungslos verloren betrachten mußte. Hier begegnete miretwas Sonderbares, das ich, um genaue Rechenschaft vonmeiner Nervenverfassung zu geben, nicht verschweigen darf.Ich hatte die Brust der armen Frau mehr als gebührlichlange beklopft und behorcht, und steckte unmuthig meinHörrohr ein, weil ich, trotz der Uebung, die ich in Heidel-berg erworben, mich nicht befriedigen konnte. In dem