64
Moses Mendelssohn.
„Ich merke nun wol/' —sagte der Esel, — „woran es gelegen hat:ich trat mir vor einigen Monathen einen Dorn in den Fuß, und derschmerzt mich noch." —
„Entschuldigen sie mich," — sagte der Kanzelred'ner Liederhold, —„wenn meine heutige Predigt so gründlich und erbaulich nicht gewesen ist,wie man sie von dem Nebenbuhler eines Mosheim erwartet hätte! ich habe,wie sie hören, einen heisern Hals und den schon seit einem Monath'.
Moses Mendelssohn,
geboren >729; gestorben 1735.
1. wer ein tugendhaft' -Weib gefunden —, — hat einengrößern Schatz, denn köstliche perlen.
Einen solchen Schatz hatte Rabbi Meier, der große Lehrer, gefunden.—Er saß am Sabbat in der Lehrschule und unterwies das Volk. — Unter-deß starben seine beiden Söhne, Beide schön von Wuchs und erleuchtet imGesetz'. — Seine Hausfrau nahm sie, trug sie auf den Söller, legte sieauf ihr Ehbett' und breitete ein weißes Gewand über ihre Leichname. —Abend'S kam Rabbi Meier nach Hause. —
„Wo sind meine Söhne," — fragte er, — „daß ich ihnen den See-gen gebe?" — „„Sie sind in die Lehrschule gegangen,"" — war ihreAntwort. — „Ich habe mich umgesehen," — erwiederte er, — „und binihrer nicht gewahr worden." — Sie reichte ihm einen Becher; er lobteden Herrn zum Ausgangs des Sabbats, trank und fragte abermals: „wosind meine Söhne, Laß sie auch trinken vom Weine des Seegens?" —„„Sie werden nicht weit seyn,""—sprach sie und setzte ihm vor zu essen.Er war guter Dinge, und, als er nach der Mahlzeit gedankt hatte, sprachsie: „„Rabbi, erlaube mir eine Frage!"" — „So sprich nur, meineLiebe!" — antwortete er. — „„Vor wenig Tagen,"" — sprach sie, —„„gab mir Jemand Kleinodien in Verwahrung, und itzt fordert er siezurück; soll ich sie ihm wiedergeben?"" — „Dies sollte ineine Frau nichterst fragen," — sprach Rabbi Meier; — „wolltest du Anstand nehmen,einem Jeden das Seine wieder zu geben?" — „„O nein,"" — versetztesie; — „„aber auch wiedergeben wollte ich, ohne dein Dorwissen,nicht."" —