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Das Deutsche Buch : aus deutschen Musterschriften / nach der Zeitfolge geordnet von Friedrich Heyne
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89
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gest. isoz.s Johann Gottfried von Herder.

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Wind verzweifelt nun und ruht,And ein lieber SonnenscheinFüllt mit milder, fünfter GlutbWanderers Gebein.

Hüllt er nun stch tiefer ein?Nein.

Ab wirft nun er fein Gewand,Und die Sonne überwand.Uebermacht, VernunftgewaltMacht und lagt uns kalt;Warme Bruderliebe,

Wer, der kalt ihr bliebe?

5. Nacht und Lag.

Asacht und Tag stritten mit einander um den Vorzug. Der feurige,glänzende Knabe fing an zu streiten.

Arme, dunk'le Mutter,"" sprach er,Was hast du, wie meineSonne, wie meinen Himmel, wie meine Fluren, wie mein geschäftiges,rastloses Leben? Ich erwecke, Was du getödtet hast, zum Gefühl' einesneuen Daseyns; Was du erschlafftest, rege ich auf."

Dankt man dir aber auch immer für deine Aufregung?"" sprachdie bescheidne, verschleyerte Nacht.Muß ich nicht erquicken, Wasdu ermattest? und wie kann ich'S anders, als durch die Vergessenheit dei-ner? Ich hingegen, die Mutter der Götter und Menschen, nehme Al-les, was ich erzeugte, mit dessen Zufriedenheit, in meinen Schooß. So-bald es den Saum meines Kleides berührt, vergißt es alle dein Blend-werk und neigt sein Haupt sanft nieder, und dann erhebe, dann nähr'ich die, ruhig gewordene, Seele mit himmlischem Thau'! Dem Auge, dasunter deinem Sonnenstrahl' nie gen Himmel zu seh'n wagte, enthülle ich,die verhüllte Nacht, ein Heer unzähliger Sonnen, unzähliger Bilder, neueHoffnungen, neue Sterne.""

Eben berührte der schwatzende Tag den Saum ihres Gewandes, und,schweigend und matt, sank er selbst in ihren umhüllenden Schooß. Sieaber saß in ihrem Stcrnenmantel, in ihrer Sternenkrone mit ewig ruhi-gem Antlitz'.

6. Die Lilie und die Rose.

iAag't mir, ihr holden Töchter der rauhen, schwarzen Erde! Wer gabeuch eure schöne Gestalt? denn, wahrlich! von niedlichen Fingern seyd ihrgebildet. Welche kleinen Geister stiegen aus euren Kelchen empor undwelch' Vergnügen fühltet ihr; da fich Göttinnen auf eu'ren Blätternwiegten? Sag't mir, friedliche Blumen, wie theilten sie sich in ihr er-freuend' Geschäfft und winkten einander zu; wenn sie ihr feines Gewebeso vielfach spannen, so vielfach zierten und stickten? Aber ihr schweig't,holdseelige Kinder, und genießt eures Daseyns. Wohlan, mir soll die leh-rende Fabel erzählen, Was euer Mund mir verschweigt!