Buch 
12 (1821) Früchte aus den sogenannt-goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts / Johann Gottfried Herder
Entstehung
Seite
222
JPEG-Download
 

»22 Früchte aus den sogenannt-

ists ein so vollkvmmnes und wie man tagt,unentbehrliches Werkzeug, auf die Gemü-ther der Menschen zu wirken; so steht es nothwen-dig unter der prüfenden Waage des sorgsamsten Ur.theils.

* . *

Aristoteles lebte in Zeiten, da das griechischeTheat-c ausgebildet war; es hat sich nachher zu kei-ner glänzendem Höhe gehoben. Auch war Er derMann, der die Regel eines Kunstwerks wohl abzu-ziehen wußte. Wie erklärt nun Er die Tragödieseiner Nation? Bckanntermaaßen durch die „N a c hi-er h in u n g einer e M s i g b e l r i e b e n e n, voll-ständigen, Größe- habenden Handlung,in einer unmuthig-gebildeten Rede,(deren jede Form für sich in abgetheil-ten Schranken wirket,) und zwar nichtdurchVerkündigung oderErzablung, son-dern durch Erbarmen und Furcht, dieLäuterung solcher Leidenschaften vol-lendend." Ohne die viele und weitläufige Eom-mentare über diese Worte vermehren zu wollen, be-merken wir nur dies:

i. Handlung ist die Seele des Drama,nicht Charaktere, noch weniger Sitten, Meynungen,Sentenzen. Vollständig, sagt Aristoteles, wer-de sie dargestellt, d. i. ihr Anfang, Mittelund Ende, eifrig, mit einer Art Schnelle werdesie betrieben; sie sey ü b e r s c h a u l i c h. Nichtalso übermäßig lang, nicht verwirrt durch fremdeZwischenfalle, (Episoden). Ueber alles dies hat Ari-stoteles in seiner Poetik bündig geredet.