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12 (1821) Früchte aus den sogenannt-goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts / Johann Gottfried Herder
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264 Früchte aus den sogenannt-

So auch bey Shakespear die Liebe; nie ist sieibm Galanterie, als wo sie es seyn muß. WahreLiebe dagegen mit allen Vorbereitungen und Wen-dungen , mit jedem süßen Spiel, das ihr gehöret,geschweige mit den verschiedenen Ausgängen ihresSchicksals — wer hat sie reiner, tiefer, vollendeterdargestellt, als Shakespear? Romeo und Ju-lie, Desdemone, Jmogcn, so manch andresGemählde mit andern Farben gemahlt, in andernSituationen dargestellt, sind ewiglebende Bilder imGarten der Liebe. Ihr und jeder Leidenschaft wiesShakespear das Gebiet an, das Jeder gehöret.

Auch liegt die Quelle der In firmitatenvor Augen, unter denen bey andern Nationen dasTheater leidet; sie ist — die leidige Repräsenta-tion, ein Ding, das Alles «erkünstelt. In derMahlerey kennen wir den Unterschied der Gemählde,die den Mahler anlächeln, und derer, die vor sichhinsehend für sich da sind. Jene liebäugeln Jedem,der sie anblickt, wie — die Gestalten der neuerenBühne. Sind diese nur für den Zuschauer da, fürden sie empfinden, dem sie schmeicheln, den sie rüh-ren wollen, und sich damit seinem Wahnsinn, sei-nen Schwachen anheucheln: so wird Alles ein gegen-seitiger Betrug. Der Spiegel der Wahrheit ist zer-brochen; der große Gang der Begebenheiten wirddurchtändelt. Vergesset, daß ihr Zuschauer habt, ihrSchauspielerinnen und Schauspieler! die Großen eurerKunst vergaßen es stets. Als bedeutende Charaktere,als Werkzeuge des Verhängnisses handelt ihr gegenund für einander. Die Begebenheit, die ihr darstellt,ist Eure Welt; der Geist, der diese Begebenheit er-