62 Briefe zu Beförderung
liche Kunstwerke gewandt hat? Diese Kunstwerkesind nicht nur lebendig, sondern auch belebend;ihr moralischer Geist geht in uns über; wir ler-nen an ihnen nicht dichten, sondern denken undhandeln.
Jedem, der sich mit Horaz für andre würdigbeschäftigen konnte, möchte ich, wenn Verdienstsich beneiden ließe, sein Verdienst beneiden. Auchunser Deutscher Uebersetzer der Briefe und Satyrendieses Dichters, Wieland, hat vorzüglich durchden Commentar derselben, jedem feineren Menscheneine belehrende Schule der Urbanität eröffnet. WasShaftesburi in seinen Schriften für den Rö-mischen Dichter überhaupt ist, dessen moralischeKritik sich bei ihm allenthalben äußert; das ist un-ser Uebersetzer im schwereren Einzelnen, für Jüng-linge sowohl als für Männer.
Nach der langen Nacht der Barbarei brachendlich auch unter den Europäischen Völkern für diefeinere Moral eine Morgenröthe an. Die Proven-zalen und Romandichter der mittleren Zeiten warenihre Vorboten; Weiber und Männer aus allen,auch den vornehmsten Ständen, suchten die Phi-losophie des Lebens wieder in die Welt einzuführen,und streuetcn ihr wenigstens Blumen. Sie erschienendlich, diese Philosophie, unter mehreren Na-tionen; und jeder Tritt soll uns heilig seyn, wosie gewandelt. Sollte das böse Schicksal es wollen,daß ganze Länder Europa's, (verhüte es der guteGenius der Menschheit l) wieder in die Barbareiversänken: so wollen wir, die an den Gränzen