Der Feldzüg 1812 in Rußland noch einmal. 253
mit denen sich Barclay vor dem Ausbruch des Kriegs beschäftigte.Wir erfahren, daß Bülow's Lehrsatz, demzufolge ein wichtiger Punktbesser durch eine Flankenstellung vertheidigt wird, als durch eine Stel-lung gerade davor, von Phull apodiktisch vorgetragen, auf Barclayeinen tiefen Eindruck gemacht hat, — und daß er dieser strategischenLehre zu entsprechen, das russische Heer in einer Stellung bei Schawlin Samogitien versammeln wollte.
„Sein Argument war," erzählt Herr v. Smitt: „Wilna ist dasHauptziel der Franzosen; durch Flankenstelluugen vertheidigt man ambesten wichtige Punkte; daher ist keine Stellung dazu geschickter, alsdie bei Schawl in Wilnas Flanke. Geht der Feind auf diese Haupt-stadt Litthauens los, so dringen wir von Schawl in seine Flanke undauf seinen Verbindungen vor, und er muß zurück oder er verliertseine Verbindung mit seiner Basis an der Weichsel. — Nein, meintePhull, die Stellung von Schawl ist zu weit rechts ab; man kann vondem Feinde tournirt und von der Düna abgeschnitten werden. Daherist die Stellung von Swenciany ungleich besser, da kann man seinerVerbindung mit der Düna nicht beraubt werden und deckt doch alleStraßen, welche nach Petersburg und Livland führen. — Barclayräumte gewissermaßen den Vorzug der Stellung bei Swenciany ein,meinte nur sie sei zu weit" — nämlich ganze 18 Meilen — „vonder Grenze und erlaube daher keinen Gegenstoß in das feindliche Ge-biet und in die Flanke. — Nachdem dieser Streit über die specifischbessere Stellung von Schawl oder Swenciany eine Zeit lang gedauert,entschied man sich für die von Swenciany und wollte hier den Feind; erwarten. — Alle diese Reden und Kriegspläne drehten sich nur umden kleinen Raum zwischen dem Riemen und der Düna; daß derKrieg andere Schauplätze, weitere Dimensionen annehmen würde,daran mochten die Herren gar nicht denken, und Phull's Hauptarca-uum, das Lager von Drissa, welches man" — später — „getadelt,weil zu nahe an der Grenze gelegen, um als Schlußpunkt des Rück-, zugs zu dienen, schien den beiden Streitern noch viel zu weit zurück;sie glaubten den ganzen Krieg um Wilna herum abzumachen."
So weit Herr v. Smitt. Wir begreifen nun besser als zuvor,warum Barclay die Stellung bei Swenciany nicht aufgeben, den! Rückzug wenn auch nur bis Drissa nicht antreten wollte; warum erin den ersten Tagen des Feldzugs in seinen Briefen an die unter-