Leibeigenschaft und Freilassung der Bauern in Rußland. Z05
A mit Allem, woran sie gewöhnt sind, in einem so entschiedenen Gegen-satz ständen, die sie nöthigten, in ganz veränderte Lebensbedingurgenund Normen des Daseins einzutreten. Es wäre nicht leicht, ihrVertrauen zu dem zu gewinnen, dessen Zweck und Absicht sienur mit Mühe verstehen würden; sind sie doch in tief begründctemMißtrauen nur allzu sehr geneigt in jeder Neuerung neues Unheilzu wittern.
Dann aber — und das ist in gewissem Sinn entscheidend —ist die leibeigene Bevölkerung Rußlands jetzt wohl schwerlich mehrin der Stimmung, auch noch die lange Reihe von Jahren, die aufdiesem Wege vergehen müßten, ehe sie zu vollständiger Freiheit ge-langte, geduldig zu warten. Wenn die nächste Zukunft ihr irgendetwas Anderes brächte als die erwartete persönliche Freiheit, würdesie in dem Neuen ohne Zweifel einen schmählichen Betrug sehen, undvielleicht, ja wahrscheinlich, wenigstens theilweise in furchtbarem Zornder Enttäuschung auflodern.
Vor dreißig Jahren würden wir die eben angedeuteten Maß-regeln mit einer gewissen Zuversicht vorgeschlagen haben —: heute^ sind sie kaum noch etwas Anderes als eine Darstellung dessen, was
f leider! längst versäumt, und schwerlich mehr in dieser Weise nachzu-
s holen ist.
f Uebrigens würden diese Vorschläge auch wohl von anderer Seites her entschiedenen Widerspruch erfahren; nämlich von Seiten desgrundherrlichen Adels, der denn auch die Sache auf jede Weise? erschwert — und zwar nicht blos durch bösen Willen, sondern auchdurch einen beklagenswerthen Mangel an Einsicht.
Daß die Leibeigenschaft lähmend wirkt, und den Aufschwung der- National-Jndustrie uiederhält, das wird von vielen Seiten her zuge-
s geben; selbst von solchen, denen alle Resormversuche auf das Gründ-
^ lichste zuwider sind, die an den gegenwärtigen Verhältnissen nichts
geändert sehen möchten, weil sie sich ganz wohl dabei befinden, undkeine Lust haben, sich auf unberechenbare, jedenfalls unbequeme Ex-perimente einzulassen. — Zwar giebt es auch weise Leute, die in derübelsten Laune versichern, der russische Bauer werde, sobald er per-sönlich frei geworden sei und nicht gezwungen werden könne, garnicht mehr arbeiten; das ganze Land daher werde in Armuth undUnordnung versinken —: indessen ist es im Ganzen doch nur eine
v. Bernharvi, verm. Schriften. I. 20