ZZ4 Leibeigenschaft »nd Freilassung der Bauern in Rußland.
Eine Verbesserung des landwirthschastlichen Betriebs durfte man,als Folge der getroffenen Anordnungen, gar nicht hoffen, da alle Ver-hältnisse die sie unmöglich machten, unverändert blieben. Auch hatsich in der That nichts oder so gut wie nichts davon gezeigt. Nurganz vereinzelt ist bekannt geworden, daß eine Landgemeinde denBeschluß gefaßt hat, die Nen-Vertheilung der Landloose nur allezwanzig Jahre vorzunehmen, anstatt wie bisher geschehen war, alledrei Jahre. Auch die Anhänglichkeit an das heimathliche Dorf, anden von den Eltern und Voreltern bestellten Boden, hat sich nichtin einem höheren Grade eingestellt; es fehlt jetzt wie sonst, mit demSondereigenthum, der Gegenstand dafür — und selbstverständlich istauch die Neigung des russischen Volks zum Ackerbau überhaupt nichtreger geworden als sie war. Ganz wie früher suchen die Strebsamenunter den Bauern — da ihnen in der heimathlichen Dorf-Gemarkungkein Raum zu einer selbstständigen landwirthschastlichen Industriegewährt ist — die Mittel sich einen gesteigerten Wohlstand zu ver-schaffen, im Handel, oder als wandernde Zimmerleute und Maurer.Die Masse daheim lebt sorglos und genügsam weiter wie von jeher,und benutzt den Umstand, daß sie keine Zeit mehr auf Frohndiensteund auf Arbeit auf dem Herrnhos zu verwenden braucht, hauptsäch-lich dazu, sich vermehrte Stunden der Muhe zu gewähren. Es istihnen, wie ich von Landwirthcn im Innern Rußlands klagen höre,wenig daran gelegen, ihre Arbeitsfähigkeit vollständig zu verwerthen,und sie entschließen sich nur schwer für Lohn auf einem benachbartenHerrnhof zu arbeiten. Wie mir einer der Herren versichert, fühlensie sich dazu nur dann veranlaßt, wenn es an baarem Geld zu —Branntwein fehlt. Nur die Trunksucht führt die Leute zur Lohn-arbeit, sagt man — wahrscheinlich ohne sehr zu übertreiben. Jeden-falls ist in einem großen Theil Rußlands das Angebot von Arbeitaus dem stachen Lande so gering, daß ein sehr hoher Tagelohn ge-zahlt werden muß, wenn man sich überhaupt Arbeiter verschaffenwill — und da man keine große Auswahl hat, muß man zufriedensein, auch wenn die Arbeiter nicht eben sehr viel leisten. In welchemGrade die Bestellung auch der ehemaligen Herrnhöse dadurch erschwertund gehindert wird, ist leicht zu ermessen.
Freilich wird sich in dieser Beziehung gar Manches in verhält-nißmäßig kurzer Zeit ändern. Die Nothwendigkeit Arbeit zu suchen,