Band 
Erster Band.
Seite
376
JPEG-Download
 

376

Das russische Heer im Frühjahr 1354.

„lebenschassende" Doppelkreuz. Gerade wie der russische Soldat körper-lich schwächer ist als der Mann aus dem Volk, ist auch sein Geistes-leben weniger selbständig und rege; es ist wie bis zu einem gewissenGrade erlahmt unter dem Gewicht der Willenlosigkeit, die ihm aufeine so unabsehbar lange Reihe von Jahren auferlegt ist, und derBegeisterung, der das russische Volk sonst gar wohl fähig ist, wennauch, wie natürlich, auf seine eigenthümliche Weise —: der ist geradeder Soldat am wenigsten zugänglich. Bei einem Kriege im russischenLande, innerhalb der alten Grenzen des Reichs, wenn er russischeKirchen verwüstet, russische Dörfer in Flammen sähe, würde sich dasNationalgefühl auch in ihm regen, und mit aller Macht — andersaber verhält es sich in Beziehung auf einen Krieg außer Landes.Die Veranlassung eines solchen ist dem Soldaten im Allgemeinenunverständlich, und läßt ihn in Folge dessen auch gleichgültig; erfragt gar nicht danach. Es ist Krieg, weil es der Kaiser befohlenhat, weiter denkt der Soldat nicht. Auch sein persönliches Verhältnißzu dem Kaiser faßt er ganz anders auf als der Mann aus dem Volk.Dem russischen Bauern liegt der Gedanke nahe, den Kaiser am Ein-gang des Dorfes mit Salz und Brot, dem slavischen Symbol derGastfreiheit, zu empfangen, oder auch sich mit einer Bitte und Bitt-schrift unmittelbar an den durchreisenden Monarchen zu wenden; —der Bartrusse, vor Allen der moskauische Kleinbürger, kann sich wohlin einem Augenblick freudiger Erregung hingerissen fühlen, den Kaiseran der „rothen — d. h. schönen — Treppe" im Kreml aus der Volks-menge heraus vertraulich als „Väterchen" anzureden —: für denSoldaten liegt dergleichen ganz außerhalb des Kreises alles Denk-baren. Er beantwortet in Reihe und Glied den herkömmlichen Grußdes Kaisers mit den im Reglement vorgeschriebenen Worten, weilihm das befohlen ist; im klebrigen schweigt er. Die Stimmung, inder er lebt, ist überhaupt vorherrschend eine schweigende Resignation.Er empfindet seinen Zustand als ein unabänderliches Verhängniß,das ihm die Verpflichtung des unbedingtesten Gehorsams auferlegt:die Nothwendigkeit, unter den Augen seiner Vorgesetzten nichts zu thunund nichts zu sagen als was befohlen wird. Er hat überhaupt dasGefühl, daß er unbedingt in der Gewalt einer ihrer Natur nach grenzen-losen, unermeßlichen Macht steht, die in letzter und höchster Instanzvom Kaiser ausgeht.