214 Frankreich, Oesterreich und der Krieg in Italien. (1859.)
das Kaiserthum fort, als ein Nothbehelf, der jedenfalls das voraushat, daß er fertig da ist; — mehr aber ist es keinem Franzosen.Es giebt sogar keinen Franzosen, der mit diesem Nothbehels auchnur leidlich zufrieden wäre; ein Jeder, welcher politischen Partei,welcher Schichte der Gesellschaft er auch angehören mag, hat gar vielmit Erbitterung und Hohn, oder mit leichtem Spott dagegen einzu-wenden. Ja mehr, die Franzosen schämen sich, namentlich Fremdengegenüber, ihrer jetzigen Zustände und suchen, sobald sie einiges Ver-trauen gewinnen, sehr geflissentlich dem Gedanken vorzubauen, daßsie etwa damit einverstanden sein könnten.
Nennt auch, mit Ausnahme der Legitimsten, nicht leicht Jemanddie Partei bei Namen, der er angehört, so giebt doch Jeder mittelbarsehr bald zu erkennen, zu welcher Fahne er schwört. Der reiche undvornehme Adel Frankreichs huldigt dem Legitimismus, im Be-wußtsein der erhabenen Stellung, die ihm selbst in der unmittelbarenNähe des legitimen Throns gebührt; der wenig gebildete Provinzial-Adel thut dasselbe, schon um eine Scheidnngslinie zu haben, die ihngehörig von den Plebejern sondert, und in der unbestimmten Vor-stellung, daß ein legitimes Königthum auch den alten Adel des Landeswieder empor bringen müßte. Mancher wohlhabende Gutsbesitzer inder Provinz, der das „cle" aus eigener Machtvollkommenheit vor seinenNamen gesetzt und sich selber zum Edelmann gestempelt hat, ist dannauch wohl Legitimist, damit seine neuen Standesgenossen ihn willigerin ihre Kreise aufnehmen, und nicht allzu ängstlich nach seinemStammbaum fragen. Die Geistlichkeit schließt sich natürlich derselbenPartei an — und im Süden des Landes auch ein überraschend großerTheil des Bürgerthums. — Der gebildetste Theil des Adels, der Ge-lehrtenstand, die studirende Jugend und der weit überwiegende Theildes Bürgerthums: das sind die Kreise, in denen eine parlamen-tarische, liberale Gesinnung herrschend ist. Das Landvolk ist meistgedankenlos und harmlos, doch wird auch hier über die künstlichenAnstalten, den Napoleons-Cultus zu Pflegen, gelegentlich gespottet,und der weibliche Theil dieser Bevölkerung ist sehr übel auf diekriegerischen Erinnerungen des ersten Kaiserreichs zu sprechen. DieArbeiter-Klassen der großen Städte tragen sich zum Theil mit wildenrepublikanischen Gelüsten und Erinnerungen.
Doch aber darf man nun aus diesen Thatsachen keineswegs