294
Frankreich, Oesterreich und der Krieg in Italien, (1859,)
zu unterwerfen, auf dem sie gewiß war, nur sehr geringen Sympathienzu begegnen. Sie konnte außerdem glauben, dem Rang und der Würdedes Staats überhaupt etwas zu vergeben, wenn sie in gewisfem Sinnein europäisches Tribunal über sich anerkannte; denn bisher warendoch eigentlich nur die Angelegenheiten der Mächte zweiten Rangesdurch Congresfesspruch geregelt worden. Die Zumuthung, das ver-haßte Sardinien schon zum Voraus als ein gleichberechtigtes Mit-glied dieser Versammlung anzuerkennen, stand in einem zu grellenGegensatz zu dem, was man im Rath des Kaisers beabsichtigte, undin dem Commentar zu den vier Punkten so eben gefordert hatte; sieverletzte den Stolz der feindseligen Gefühle, mit dem man bisher aufden Gegner herabgesehen hatte: und wirklich beleidigt durfte sich diekaiserliche Regierung glauben, als Rußland mit dem ganz unerhörtenVorschlag hervortrat: wenn der Wiener Hof sich weigere, möge mausich ohne Oesterreich zum Congreß versammeln, um da im europäi-schen Areopag das Urtheil über die Großmacht an der Donau gleichsamin eontninuoiuln zu fällen!
Das waren ohne Zweifel sehr gewichtige Bedenken; sie warenaber in dem Augenblick durch Rücksichten einer höheren Ordnung sovollständig überwogen, daß sie in der That nur der Form wegengeltend gemacht wurden. Die Dinge gediehen gar nicht so weit,daß dergleichen im Ernst und wirklich als das eigentlich zu be-seitigende Hinderniß in das Gewicht fallen konnte; — wie dieSachen wirklich standen, würde Oesterreich nicht weniger gesuchthaben, sich um jeden Preis dem Congreß zu entziehen, wenn dieseSchwierigkeiten auch sämmtlich aus dem Wege geräumt waren.
Die Politik Oesterreichs hatte nämlich von dem Augenblicke an,wo dem Zwist nicht mehr auszuweichen war, eine Wendung genom-men, in Folge welcher diese Macht ganz entschieden nicht mehr einfachals der angegriffene Theil betrachtet werden konnte, der sich lediglichin seinem wohl oder übel erworbenen Besitz erhalten will.
Oesterreich wurde der angreifende Theil, und zwar nichtblos der Form, sondern auch dem Wesen und der Absichtnach. Das ist bisher der allgemeinen Aufmerksamkeit meist ent-gangen; die Andeutungen einzelner Wohlunterrichteter, wie des Herrnv. Bennigsen in der hannöverschen Kammer und des Verfassersder Schrift „Preußen und der Friede von Villafranca", sind nicht