Band 
Zweiter Band.
Seite
302
JPEG-Download
 

302

Frankreich, Oesterreich und der Krieg in Italien. (1859.)

die Eröffnung der Feindseligkeiten um einige Tage verschoben wurde, »mußte er wirklich dem Einfluß der leidenschaftlicher gesinnten intimen IUmgebung des Kaisers weichen. I

Preußens Aufgabe konnte fortan keine andere sein, als dahin zu »

trachten, daß der nunmehr ausgebrochene Krieg einen veränderten ^

Charakter annahm, daß seine Tendenz, die zu Grunde gelegte Absicht, ,eine andere wurde, daß er auf die Abwehr französischer Suprematie,nicht auf die Restauration des Metternich'schen Systems in ganzEuropa gerichtet werde. Es mußte suchen, erst dann, wenn dies ge-lungen war, in den Kampf einzutreten und lediglich zur Wahrungwirklich deutscher Interessen.

Die Aussichten auf Erfolg waren freilich gering. Man rechnetein Wien noch immer viel zu sicher darauf, daß die Macht der Ereig-nisse Preußen unbedingt, und ohne daß man deshalb Zugeständnissezu machen brauchte, zwingen werde, Antheil an dem Kamps zu nehmen.

Als der Kaiser nach Italien aufbrach, ermähnte ihn der CardinalRauscher zum Abschied, sich weder durch die Ereignisse noch durchRathschläge der Halbheit irre machen zu lassen und auf dem bis-herigen Wege auszuharren; dieser Weg sei allein der rechte, der hie-niedeu zur Besiegung der Revolution und jenseits zur ewigen Selig-keit führe. Franz Joseph selbst erklärte in absichtlich geräuschvollerWeise: er wolle lieber eine Provinz abtreten, als die Specialverträge,d. h. Oesterreichs bisheriges System, aufgeben. ß

Preußens Bemühungen blieben fruchtlos. Wie Oesterreich nach Llangen Unterhandlungen zu versprechen schien, daß es aus die Unter- kjochung Sardiniens und die permanente Intervention in Italien ver-zichten wolle, und wie dann plötzlich Gras Rechberg Alles, wasman bereits erlangt zu haben glaubte, alle schon gemachten Zuge-ständnisse ignorirte, als seien sie nie gewesen, um auf die allerersteForderung Oesterreichs, aus die einer unbedingten Lehnfolge Preußensund Deutschlands zurückzukommen: — das ist bereits durch die ver-öffentlichten Actenstücke vor den Augen der Welt dargethan worden.

VI.

Der österreichische Kaiserstaat umfaßt ein Ländergebiet, das inseiner Gesammtheit, vor der Abtretung des Mailändischen, um unge-fähr 2000 Quadratmeilen größer war als ganz Frankreich; die Ge-