Die Reform der Heeresverfassung. (März 1860.) Z83
glauben müssen,- mit der Wirklichkeit und ihren strengen Forderungen,geblendet durch die Dienste der Landwehren in den Jahren 1813,1814, 1815, auf welche sie sich beriefen, sogar noch etwas weitergingen, und die Frage auswarfen, ob nicht für die Sicherheit desLandes am besten gesorgt wäre, wenn man sich einem Milizsystemzu nähern suchte, dessen Vorbild etwa in der Schweiz zu suchenwäre? Ob für die Jnstruction der Milizen nicht eine periodische Zu-sammenziehnng derselben in Ucbungslagern genüge?
Man vergaß zunächst und vor allen Dingen, wie viele Zeit dieOrganisation oder Improvisation unserer Landwehren im Jahre 1813erfordert hatte. Man übersah, daß kein Landwehrbataillon — mitAusnahme einiger ostpreußischen — vor dem Waffenstillstand gefochtenhatte, daß aus den Schlachtfeldern von Lützen und Barchen das Fehlender noch nicht fertigen Landwehr den Staat an den Rand des Ab-grundes gebracht hatte, daß fünf Monate erforderlich gewe-sen waren, die gesammten Landwehren zu organisirenund aufzustellen.
Man würdigte ferner die Motive, welche die Landwehr jenerJahre bewegten und hoben, nicht vollständig richtig. Diese vereinzeltdastehende und einseitig aufgefaßte Erfahrung, durch deren etwas will-kürliche Deutung man sich zu jenen Theorien verleiten, wir dürfensagen, aus solche Abwege führen ließ, muß mit anderen, umfassendenund gewichtigen Erfahrungen verglichen werden, wenn sie wirklich einErgebniß gewähren soll, auf welches zuverlässige Folgerungen gebautwerden können.
Man erinnere sich an die ersten Jahre der französischen Revo-lution. Der französischen Nation war es gewiß Ernst um die Zwecke,die sie in jener gewaltsamen Zeit verfolgte. Namentlich hatte diegroße Masse der Bevölkerung, das Landvolk, ein so unmittelbaresInteresse, für die Vertheidigung des Landes zu kämpfen, wie es sichselten finden wird. Dieser entscheidende Theil der Bevölkerung wareben von der Leibeigenschaft, von der Gutsunterthänigkeit, von allenPflichten gegen den Grundherrn befreit worden, er hatte die Gleich-heit aller Stände vor dem Gesetz erlangt. Er mußte fürchten, diesAlles zu verlieren, die frühere Abhängigkeit wieder hergestellt zusehen, wenn die Emigrirten als Sieger heimkehrten. Er fürchtetees. Und dennoch bedurfte es der blutigsten Energie der Schreckens-