Achter Abschnitt.
Geistiges Lebenunter Karl dem Großen.
äst noch größer als die materielle, war die idealeThätigkeit Karls des Großen. Durch ihnerhielt die Aufgabe der nordeuropäischen Völker,? im Gebiete der geistigen Kultur das Werk derGriechen und Römer fortzusetzen und auf dasselbeneue Fortschritte der Entwickelung des Menschen-geistes zu begründen, die kräftigste Förderung.Mit richtigem Blicke sah er ein, daß dieses Riesen-werk nur durch die Verknüpfung der Leistungendreier Kulturkreise, derjenigen des klassischenAltertums, des Christentums und des Deutsch-tums, zu vollenden war, — er hat daher alle diese Ele-mente mit tiefem Verständnis gepflegt. „Nicht mit demBesitze der Muttersprache zufrieden", sagt von ihm Ein-hard, „lernte er (bei Petrus von Pisa) lateinisch so viel,daß er sich darin ebenso gut wie im Deutschen ausdrückte, und griechisch soweit, daß er es wenigstens verstand." Er sammelte alte deutsche Liedervon Thaten und Kriegen vorzeitlicher Könige, wohl vorzüglich aus demNibelungenkreise, welche nachher leider durch den einseitigen Glaubens-eifer seines Sohnes Ludwig wieder verloren gingen. Er begann selbst, ob-schon er niemals recht schreiben konnte, eine deutsche Grammatik zu verfassenund gab den Monaten, sowie den zwölf Windrichtungen deutsche Namen,welch' letztere in den vier einfachen und acht zusammengesetzten Bezeichnungender Windrose beibehalten worden sind. Auch stellte er Nachforschungenüber den Bildungszustand der Geistlichen und Laien in seinem Reiche anund führte 802 den obligatorischen Schulbesuch ein.
Karl hatte das Geschick, tüchtige Männer verschiedener Nationenaufzufinden, sie um sich zu versammeln, und durch sie Wissenschaft undlitterarischen Geschmack zu verbreiten, gleichwie er sie auch zur Abfassungvon Staatsschriften benutzte. Diese Männer bildeten mit Karl eine Art von Akademie, wobeisie in zwanglosem Verkehr einander klassische und biblische Namen gaben und sich mit Prosaund Poesie, in Scherz und Ernst belehrten und unterhielten. Die Umgangssprache war die latei-nische, und jenes Zeitalter kann, trotz der sehr begreiflichen llnvollkommenheit und llnbeholfen-heit des Ausdruckes, namentlich des poetischen, als ein erstes humanistisches nach dem Aus-gange der Welt des Altertums, als eine echte Frührenaissance betrachtet werden, welche der
Initialbuchstabe
aus einer in der Mittedes neunten Jahrhun-derts für Karl den Kah-len geschriebenen Bibel.Paris, Natwnalbibliothek.