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Erstes Buch. IX. Die Trennung Deutschlands voin Frankeur eiche.
durch die Vater- und Bruderkriege derselben große Beeinträchtigungen. Die Höfe der späterenKarolinger glichen nur wenig dem ihres großen Ahnen, und die vorzugsweise (wenn auchvielfach ohne zureichende Gründe) nach Klöstern benannten Annalen sener blutigen Zeitenhatten keinen Raum und keine Gelegenheit zur Erwähnung von Schöpfungen im Reiche desWahren, Schönen und Guten. Und dennoch bereitete sich im stillen die Erhebung derDeutschen zu Thaten des Geistes vor, an welchen sie bisher, mit Ausnahme weniger Mit-glieder des litterarischen Kreises des großen Karl, noch völlig unbeteiligt geblieben waren.Seit dem Tode dieses Monarchen trat eine örtliche Verteilung der Beschäftigung mit demIdealen an die Stelle ihrer Konzentration am Hofe.
Das Entstehen eines besonderen deutschen Reiches seit Ludwig dem Deutschen fielnämlich der Zeit nach höchst merkwürdiger Weise mit dem ersten Erwachen jener eigenartigendeutschen Geistesbildung zusammen, deren Grundlagen der große Karl gelegt, die sein Sohn,Ludwig der Fromme, zwar zu vernichten gesucht hatte, die aber dessenungeachtet bestehen ge-blieben, und wenn auch noch unvollkommen, doch so kräftig waren, daß auf ihnen eine imForschen und Denken vorgeschrittene Zeit weiter bauen konnte. Was die Deutschen in derZeit ihres ersten, unsicheren Tastens im Reiche des Geistes zu stände brachten, darf, wenn esauch nur zn kleinem Teile in ihrer heimischen Sprache und meist in derjenigen Roms dasLicht der Welt erblickte, und wenn auch noch so vieles davon verloren gegangen ist, nichtunterschätzt werden; es ist vielmehr geradezu bewnndernswert, wenn man die traurigenZustände betrachtet, unter welchen damals das Land infolge der inneren Kriege zwischen denentarteten Karolingern selbst, wie der räuberischen Einfülle von Normannen und Dänen, vonSlawen, Magyaren und Sarazenen zn lciocn hatte. Ja, die jetzt aufkeimende deutsche Kulturhat ungeachtet dieser für sie so verhängnisvollen llnglncksfälle keinen Vergleich mit derjenigender Byzantiner und der Araber zn scheuen, welche mir von der Erbschaft der alten Hellenenzehrten; sie hat vielmehr vor beiden bei ihrer freilich mir geringen Zahl von Schöpfungeneine hohe Originalität in den Gedanken und in ihrer Ausführung voraus.
Es war am Ende des neunten Jahrhunderts, da der kräftige Arnulf starb, undihm im Knabenalter sein Sohn Ludwig das Kind folgte, als jenes finnisch-ugrische, wildeund nomadische Reitervolk nach Mitteleuropa vordrang, welches die Gelehrten jener Zeit inrichtiger Würdigung seiner Rassenangehörigkeit und Kultur „Hunnen" und „Awaren" genannthaben. Mit gewohnter mongolischer Anmaßung und zugleich mit der Kopflosigkeit dieser Rasse,die nie bedenkt, was sie mit ihren Eroberungen dereinst anfangen will, stürzten sich dieMagyaren von Ungarn, ihrem erwählten Standquartier, aus zunächst auf die Grvßmühren,deren Reich sie vernichteten, dann auf Italien, endlich aber mit höchster Wut auf Deutschland.Baiern wurde ihre erste Eroberung, die sie mit allen Greueln mongolischer Raublust, mitMorden, Sengen und Brennen erfüllten. Kein Teil Deutschlands, selbst nicht der jenseit desRheines, blieb in der Folge von ihrer Wut und ihrer hinterlistigen Kricgsweise verschont.
Durch diese Magyarennvt vornehmlich wurde nun auch in Deutschland das Versinken derehemaligen Freien in Abhängigkeit von Adel und Kirche, welches hier bisher nicht so schnellwie in den übrigen Teilen des einstmaligen Frankcnreiches vor sich gegangen war, reißend be-schleunigt. Die Schcinherrschaft Ludwigs des Kindes, in Wahrheit eine Anarchie, begünstigteferner die Ausbildung des Partiknlarismns der einzelnen deutschen Stämme, welche ja nur durchGewalt im fränkischen Reiche verbunden worden waren und noch kein gemeinsames National-bewußtsein besaßen; denn ein wirklich rein deutsches Reich gab es ja thatsächlich noch nicht.Es traten wiederum Herzoge mit voller, die königlichen Rechte ersetzender Gewalt an die Spitzeder nach ihnen verlangenden Völker Frankens, Schwabens, Baierns, Sachsens und Lothringens,welch letzteres zum Teil den westlichen (französischen) Karolingern als Bente anheim fiel.Die vier rechtsrheinischen Stämme aber sandten ihre Wähler nach Forchheim, wo dieselben(911) zuerst den tüchtigen und mächtigen Herzog Otto von Sachsen znm König wählten, derjedoch seines hohen Alters wegen die Krone ablehnte und die Wahl des kräftigen HerzogsKonrad von Franken empfahl. Das deutsche Wahlkönigtum war somit auf den Trümmerndes Frankenreichcs geboren worden, und die Wahl selbst bedeutete den Beginn eines endlosen