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Erstes Buch. IX. Die Trennung Deutschlands voiu Fraukeureiche.
Ein fast eben so großes Verdienst, wie durch die Verbreitung des Christentums, dieleider oft nur eine oberflächliche und wenig fruchtbringende war, erwarb sich die damaligeGeistlichkeit durch ihre Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst, soweit eine solchedamals überhaupt schon möglich, in welcher sie aber noch mit nicht wenigen Weltlichen zuwetteifern hatte. Wir sahen übrigens bereits (oben S. 120), daß beide Stände nicht völligscharf getrennt waren, sondern oft ineinander übergriffen. Einhard und Angilbert am Hofe Karlsdes Großen, von denen dies im besondern gilt, waren die ersten Deutschen gewesen, welchesich in Dichtung und Wissenschaft einen Namen gemacht hatten. In ihrem Geiste arbeitete,gleich ihnen in der Sprache Roms, Angilberts und der Kaisertochtcr Bertha Sohn Nithardweiter, ein tapferer Krieger, der, wenn auch Titular-Abt, so doch kein Mönch war und aufdem Schlachtfclde (848) starb. Im Auftrage seines Herrn, Karls des Kahlen, schrieb er dieGeschichte seiner Zeit beinahe bis zu seinem Tode. Wackere Gesinnung entschädigt in derselbenfür den Mangel jenes Wohlklauges, welcher unter seinen: kaiserlichen Ahn in der Sprache derLitteratur geherrscht hatte. Leider fehlt die erstere den beiden einseitig lobrednerischen Geschicht-schreibern der Zeit Ludwigs des Frommen, Theg an und einen: Namenlosen, welcher derAstronom genannt wird. Unter den Fuldaer Mönchen, welche die Reichsannalen Einhards fort-setzten, hat die klassische Sprache des letzter:: nur Ruodolf erreicht, der in sein schon (S. >21)erwähntes Wnnderbuch eine Geschichte der Sachsen einflocht. Eine ganz eigenartige Stellungnimmt die Weltchronik des Bischofs Frechulf von Lisienx ein, welcher es zuerst wagte, dasneue römische Reich für etwas anderes als eine Fortsetzung des alten zu nehmen, doch hierinfast ohne Nachfolger blieb. Der Schotte Diknil (825) und ein anonymer Verfasser schriebenLehrbücher der Erdkunde, welche auch den Orient (Ägypten und Indien) umfaßten, währenddie berühmten arabischen Geographen Edrisi, Abulfida und Jaknt über nichtmohammcdanischeLänder fast nichts zu berichten wußten. Walafrid, genannt Strabv, Abt von Reichen«:(842 — 849), verriet in der idyllischen Schilderung seines Gartens (,,Uoi'tn1n--"> tüchtigebotanische Kenntnisse. Hrabanus Maurus, Schüler Alkuins und Lehrer Otfrids, desKrist-Dichtcrs, erst Abt von Fulda (seit 822), dann Erzbischvf von Mainz (847—850), FreundLudwigs des Deutschen und bei aller Rechtglänbigkeit den Staatsrechten und der Volksfreiheitanhangend, auch gleich Agobard von Lyon ein entschiedener Gegner des Hexenglanbens,erneuerte die Encyklopädie des Jsidor von Sevilla, die freilich nur für die damalige Zeiteinen Wert hatte. Ruodolf und Otfrid waren zwei seiner bedeutendsten Schüler, zudenen auch der Mönch Godschalk gehörte, dessen selbständige religiöse Ansichten in: ganzenReiche großes Aufsehen erregten. Schüchterne Anfänge Alkuins und Rabans in der Philosophienach antikem Muster setzte am Hofe Karls des Kahlen Johannes Scotus in seinen: Werkeüber die Einteilung der Natur in selbständigerer Weise fort; ja, er wagte es, die Vernunft vonaller Pflicht der Unterordnung unter den Glauben freizusprechen und die untrennbare Verbindungvon Gott und Welt zu behaupten. Daß die Theologie eifrig betrieben wurde, war selbstverständlich.Daß aber in den fränkischen Reichen unter den Karolingern auch die Dichtkunst Blüten trieb,wennschon nicht originelle, sondern von der Antike gezeitigte, zeigt das Beispiel des ErinvldnsNigellus, eines Lobdichters und Schmeichlers Ludwigs des Frommen und seines SohnesPippin. Er war Benediktiner und Abt, aber auch Spaßmacher, Höfling und gleichsam zumScherz auch einmal ein Kriegsmann; i» seinen Gedichten aber eiferte er ohne viel Erfolg den:Ovid nach, dessen frivole Neigungen er teilte, daher ihn auch Ludwig, wie einst AngnstnS jenenrömischen Dichter, verbannte.