Otto I. und die Otto neu.
163
auch uns gegen sie mild stimmt. Mit Ausnahme dieser Katastrophen bot das FamilienlebenOttos und seiner Nachkommen ein ungemein liebliches Bild rührender Anhänglichkeit und Treuedar; es war überdem ohne Zweifel ein Spiegel des damaligen durchschnittlichen Verhältnissesunter Verwandten von Stand und einiger Erziehung. Eine höchst seltene Pietät knüpfte dengroßen Kaiser an seine treffliche Mutter Mathilde, an seine Schwestern Gerberg undIdadewig, an seinen ritterlichen Bruder Heinrich, nach dessen endlicher Ergebung, und anseinen pricsterlichen Bruder Bruno, und wenn er diese seine Lieben nach langen Reisen oderKriegszügen wiedererblickte, so war es stets ein ihm gottgeschenktes Fest. Ein wahres Idyll in-mitten des Kricgsgetümmels war Ottos Liebe zu der klugen und energischen Adelheid, wieihn auch mit seiner ersten, früh gestorbenen lieblichen Gattin Editha, der Angelsächsin, eine inseltenem Grade hochherzige Liebe verbunden hatte. Ebenso liebevoll Verhielt sich Adelheid zu ihremSohne und Enkel, den beiden letzten Ottonen, und selbst auf die aus verdorbenen Umgebungenhergekommene glänzende Fanariotin Theophano warf die reine Hoheit der deutschen Häus-lichkeit einen veredelnden Schimmer. Ottos Tochter aus erster Ehe Liutgarde, die Gattindes zeitweise treulosen Herzogs Konrad, welcher in der Magyarenschlacht auf dem Lechfeldeso glorreich fiel, war demselben in trüber Zeit vorangegangen, und es bezeichnete ihr stilles,edles Wesen gewiß am besten, daß eine silberne Spindel ihr Grab in der Kirche St. Albanvor Mainz schmückte. —
Die sächsischen Könige und Kaiser bieten viele Ähnlichkeiten mit den Karolingern dar: inbeiden Häusern folgte auf einen die Größe des Geschlechts vorbereitenden Herzog (Karl Martellund Otto der Ältere) ein bahnbrechender König (Pippin und Heinrich I.), dann ein gigantischgroßer Kaiser (Karl und Otto) und auf diesen eine Reihe von minder befähigten oder schwachenFürsten, die mit einem anders gearteten, wieder emporstrebenden Epigonen (Arnulf und Heinrich II.)endete. Immerhin waren Otto II. und III. bedeutendere, namentlich idealer angelegte undgebildetere Charaktere, als Ludwig der Fromme und seine Söhne und Enkel (mit Ausnahmedes wackern Ludwig des Deutschen); aber ihre Regierung war leider nur eine Weiber-herrschast gewesen. Otto II. wurde wesentlich von seiner Mutter Adelheid und seiner Gattin,der Byzantinerin Theophano, beherrscht, und dieser Einfluß vererbte sich auch auf seinen Sohn.Ottos II- Glück verließ ihn, sobald er dem schweren Verhängnis der mittelalterlichen Deutschenanheimfiel, jenseit der Alpen ein Ideal zu suchen, das niemals verwirklicht werden konnte, unddie nationale Wahrheit einem kosmopolitischen Trugbilde aufzuopfern. Es war die wunderbarschöne, verführerische, aber mit tödlichem Gift erfüllte Mürchenblnme des Mittelalters, welcherdiese für die christliche Weltherrschaft glühenden Phantasten nachjagten, bis sie an ihren Dornen-stichen verbluteten. Otto III., der Enkel östlicher und westlicher Kaiser, lateinisch und griechischgebildet, und im Gedanken der Herstellung eines großen römischen Reiches mit geistlich-asketischerFärbung erzogen, machte in dieser Stimmung seinen Römerzug. Keinem Manne ist das Reichje so mühelos zugefallen wie diesem Jüngling. Jene phantastische Richtung aber nährten in ihmunablässig vom religiösen Standpunkte aus der Böhme Adatbert oder Woyciech, welcherden Bischofssitz Prags verließ, um Mönch zu werden, und als Apostel der Preußen denMärtyrertod erlitt, und in Politischer Beziehung der gelehrte Franzose Gerbert, Erzbischofvon Reims, der mit seinem König zerfallen war und von Otto, welcher ihn zum Erzbischof vonRavenna erhob, oftmals um Rat angegangen wurde. Wie schon diese Einflüsse zeigen: vondeutschem Geist und Sinn lebte in diesem Kaiser nicht eine Spur, — er suchte solchenvielmehr durch Verachtung zu ertöten und fühlte sich nur als Römer, in dessen Adern griechischesBlut floß. Sein Plan ging dahin, Rom zur ständigen Hauptstadt seines Reiches zu machenund einen ähnlichen Hof zu halten, wie seine byzantinischen Verwandten, deren steifes Zeremoniellmit seinen schwülstigen Amtstiteln er dann thatsächlich auch einführte.
Und welche Gegensätze in diesem Jünglinge! Otto III. lebte in Italien ganz wie einPilger und Büßer unter Mönchen, ohne deshalb seine in sich unmögliche Reichsidee aus denAugen zu verlieren. Wäre es nach seinem Sinn gegangen, so wäre Deutschland eine bloßeProvinz des abendländischen Reiches geworden. In der That hat er in dem Bestreben, diechristlich gewordenen Reiche Polen und Ungarn lediglich der Kaiserkrone unterzustellen, ihr
11 *